Allgemein, VfB
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Bei Geburt getrennt.

Tayfun Korkut erinnert an Jürgen Kramny. Beide sehr spröde im Auftritt, beide keine großen Kommunikatoren, beide keine Innovatoren, sondern sehr pragmatisch bei Spieltaktik und Mannschaftsaufstellung. Sie machen das, was sie können und was die Mannschaft kann. Kramny hatte lange noch dieses verschmitzte Lächeln, als ob er es gar nicht fassen konnte, Bundesligatrainer zu sein. Korkut dagegen freut sich mehr nach innen, selbst bei Toren. Die Ergebnisse ähneln sich ebenfalls. Kramny begann mit acht Punkten aus den ersten vier Spielen, Korkut mit zehn.

Es ist kein komplizierter Fußball, den Korkut spielen lässt, aber einer, den der Gegner furchtbar anstrengend und nervig finden kann. Genervt war auch Niko Kovac und stocksauer, dass der VfB die Eintracht auf sein Niveau hinunter gezogen hat.

Korkut hat das „kompakt stehen“ erfunden, er ist Mister Kompakt. Und wenn dann doch mal einer durchkommt, dann wirft sich jemand aufopfernd in die Schussbahn wie die deutschen Eishockeyspieler in Pyeongyang. Benschamäh Pavard kann nicht nur elegant, sondern auch spektakulär, wie übrigens auch Timo Baumgartl. Beide haben unter Korkut einen Qualitätssprung gemacht.

 

Während andere Trainer für taktische Raffinesse, Emotionalität, Offensive oder Defensive stehen, steht Korkut wie auch Kramny eigentlich für nichts. Außer für Sachlichkeit und Unaufgeregtheit, ähnlich wie die Kollegen Pal Dardai oder Peter Stöger. Sie sind keine Laptop-Trainer, sie sind nicht modern, sie sind Risikolos-Coaches. Nur nichts Aufregendes oder Ungewöhnliches machen. Es zählt, was auf der Anzeigetafel steht. Am besten eine Null beim Gegner.

Das macht nicht jedem Spaß, diese Art von Fußball anzuschauen. Aber er ist erfolgreich. Bisher. Denn offen ist, ob die zehn Punkte auf den Maßnahmen von Korkut basieren (zweite Spitze, Gentner weg von der Sechs, kaum Wechsel in der Mannschaftsaufstellung) oder auf den Trainerwechsel-Effekt zurückzuführen sind. Da bemühen sich die Spieler plötzlich, laufen deutlich mehr und setzen Traineranweisungen 1:1 um. Aber ganz offensichtlich passt der knochentrockene Korkut-Fußball zur Mannschaft. Sie scheint Solidität zu brauchen, klare Ansagen und einfache Stilmittel wie „lang und hoch auf Mario und Daniel“.

Nach dem Spiel sagte Korkut, angesprochen auf die Parallelen zur Abstiegssaison, als der VfB einen ähnlichen Vorsprung auf die Abstiegsplätze hatte und trotzdem runter ging: „Ich schaue nicht in die Vergangenheit, die Statistiken in der Abstiegssaison interessieren uns nicht.“ Eine souveräne Einstellung, mit einem Blick in die Vergangenheit lässt sich selten die Zukunft gestalten. Doch gibt es Dinge in der Vergangenheit, die in der Zukunft vermieden werden sollten. Nämlich, dass die Mannschaft sich nicht zu sicher fühlen darf, dass sie nicht denkt „den Druck, den haben die anderen“. Es ist zu hoffen, dass Korkut um diese Marotten der Mannschaft weiß. Wenn man seine Aussage „Wir wollen die Spannung hoch halten!“ in der Pressekonferenz hört, dann stimmt uns das zumindest hoffnungsvoll.

 

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12 Kommentare

  1. Bernd sagt

    Denke nicht, dass man die beiden vergleichen kann, es sei denn man will krampfhaft irgendwelche Vergleiche zur Abstiegssaison ziehen. Der Fußball den Korkut spielen lässt, ist ein total anderer als damals unter Kramny, was natürlich auch ein Stück weit am vorhandenen Personal liegt.

    Und dass die beiden kein klares Profil haben (böse Zungen würden von Inselbegabung sprechen), das haben sie mit 90% aller Trainer gemein. Oder wofür steht ein Jupp Heynckes? Ist ja eher was Positives, wenn Leute situativ reagieren können und nicht überall Nägel sehen, bloß weil sie am liebsten einen Hammer benutzen. Solche Konzepttrainer scheitern ja meist grandios (siehe beispielsweise Zorniger), wenn ihr Plan A nicht funktioniert,

    Momentan lässt Korkut halt vorrangig den Betonmischer anwerfen, Wenn man das spielen kann, ist das so schlecht nicht, die Italiener sind mit dieser Einstellung immerhin viermal Weltmeister geworden. Und falls wir nächste Saison damit auf Riegel-Rudis Spuren wandeln und Vizemeister werden sollten, dann werde ich sicher nicht meckern.

    Die einzige Parallele die ich zur Abstiegssaison sehe, ist das wir noch sehr von Einzelspielern abhängig sind. Wenn Ascacibar und Pavard sich verletzen sollten, dann könnte das nochmal ähnlich haarig werden als 15/16 nach der Verletzung von Die.

    • @abiszet sagt

      Hi Bernd,

      die Parallele zur Abstiegssaison ist mE unübersehbar. Auch da hat der Trainerwechsel eine positive Serie ausgelöst. Problem nur dann: Als man scheinbar gesichert war, fiel die Mannschaft komplett auseinander und Kramny hat es nicht geschafft, sie zu motivieren, um noch 2 oder 3 Punkte zu holen. Dies sollte Warnung genug sein. Natürlich ist der Vergleich von K und K zugespitzt, keine Frage.

      Völllg richtig ist, dass der VfB von einzelnen Spielern abhängig ist: Baumgartl, Pavard und Ascacibar in der Form sind schwer zu ersetzen (gleichzeitig schon gar nicht). Und: Daniel Ginczek ist im Doppelsturm mit Mario Gomez ein sehr wichtiger Faktor. Hier müssen wir die Daumen drücken, dass Ginni gesund bleibt, denn es gibt keinen, der ihn 1:1 ersetzen könnte (gilt natürlich auch andersrum für Gomez).

      Heynckes hat nicht nur seine Stärken in der Menschenführung, sondern steht auch für einen klaren, strukturierten Fußball (4-2-3-1) mit dem Anspruch, viel Ballbesitz zu haben und damit Dominanz auszuüben. Für etwas zu stehen, heisst auch nicht, dass es nur diese Ausrichtung gibt. Domenico Tedesco ist ein gutes Beispiel. Er hat einerseits ein gutes Händchen für die Begabung der Spieler (zB Meyer, di Santo, Kehrer, Stambouli), andererseits ist er taktisch flexibel genug, um sich nicht auf eine Ausrichtung festzulegen. Um dann drittens auch bei der Führung & Motivation des Kaders ein paar Prozentpunkte rauszuholen (vgl. 4:4 in Dortmund).

      By the way: Italien ist vor 12 Jahren Weltmeister, Griechenland vor 14 Jahren Europameister geworden. Was aber nicht heisst, dass man mit einer guten defensiven Ordnung heute keinen Erfolg mehr haben kann. Vom jetzigen Platz 12 an eine Vizemeisterschaft in der nächsten Saison zu denken, ist allerdings absurd. Wobei Du es sicher ironisch gemeint hast.

  2. Ich bin ein bisschen überrascht, dass Ihr in der Diskussion neben all den unzweifelhaft wichtigen genannten Herren Holger Badstuber nicht nennt. Auch er scheint mir einen großen Anteil an der aktuellen Stabilität zu haben – seine Souveränität in engen Situationen fasziniert mich – und ist gleichzeitig ähnlich fragil wie Ginczek.

    Davon ab neige ich zu der Sichtweise, dass Italien zumindest das Halbfinale 2006 letztlich durch seine mutige Offensive gewonnen hat. Aber das nur am Rande.

    • @abiszet sagt

      Lieber Heinz,

      absolut! Badstuber steht für Stabilität, wobei er mir manchmal auf der Sechs in bisschen steif vorkommt. Man sieht schon, dass er diese Position schon seit ewiger Zeit nicht gespielt hat, wobei er sie mit seiner unbestrittenen Qualität gut ausfüllen kann. Bei Badstuber tue ich mich ein bisschen schwer, da mir sein Auftreten nicht immer gefällt: das Gestikulieren, sein Gesichtsausdruck, die Kommunikation mit den Kollegen auf dem Feld. Aber das ist eine persönliche Sache.

      • Sein Auftreten gegenüber den Mitspielern sehe ich ziemlich ähnlich wie Du. Was mich indes beeindruckt, sind vor allem jene Situationen, wo er in einer schwierigen Position unter Gegnerdruck angespielt wird oder anders an den Ball kommt und man kurz davor ist, die Luft anzuhalten, bis er den Ball ganz selbstverständlich ohne jede Hektik zu einem unkritisch postierten Mitspieler passt und damit die Situation auflöst.
        Dumm nur, dass er gelegentlich zu glauben scheint, auch all seine Teamkollegen seien in der Lage, sich auf diese Art und Weise zu befreien, und deshalb nicht zögert, sie herausfordernd anzuspielen.

  3. Maggu sagt

    Ich finde viele eurer Vergleiche und Referenzen großartig, aber hier finde ich dich ein wenig unfair. Die Entlassung von Hannes hat mich auch schwer getroffen, v.a. weil er für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft stand, trotzdem sollte man Korkut nicht nach vier Spielen als konzeptlosen Maurer hinstellen.

    Zugegeben, für welchen Fußball Tayfun Korkut steht weiß ich auch nicht!

    Der Vergleich hinkt trotzdem. Wenn ich mich richtig erinnere – große Teile der Rückrunde sind unauffindbar verdrängt – hat der VfB unter Kramny das Heil in der Flucht nach vorne gesucht und bis zum Ende das defensive Chaos (Zorniger…) nicht in den Griff bekommen.

    Da schätze ich Korkut nicht nur taktisch deutlich reifer ein, sondern auch in Sachen Mannschaftsführung voraus. Versteh mich nicht falsch, ich sehe beileibe nicht alles rosarot, die Gefahr eines Auseinanderfallen wie vor zwei Jahren erkenne ich aber auch nicht.

    Bis auf den erfolgreichen Start fehlen mir da wirklich die Parallelen.

    Übrigens eine Konsolidierungsphase wie Köln unter Stöger oder Berlin mit Dardai wäre glaube ich ganz in Ordnung – oder?

    Beste Grüße und weiter so

    • @abiszet sagt

      Hi Maggu, vielen Dank für Dein Feedback und Deine freundlichen Worte und die Beschreibung Deiner Emotionen zu Hannes Wolf und zur Rückrunde 2015/2016, mir geht es ähnlich (nur hole ich mir die Dinge von „damals“ mit alten Texten wieder in Erinnerung).

      Ja, Korkut halte ich im Moment auch für taktisch ausgereifter bzw. cleverer. Nur ich bin nicht sicher (wie im Text beschrieben): Sind es Korkuts Maßnahmen oder die „Lust“ bzw. der Willen der Mannschaft, die zum derzeitigen Aufschwung führen. Das wäre die Parallele zur Kramny, der klassische Trainerwechsel-Effekt.

      Stöger/Dardei-Fußball wären völlig ok, nur Spaß macht das nicht wirklich (abseits der Ergebnisse).

  4. Trügt der Schein, oder findet die Mannschaft im leicht geänderten System sich selber wieder, als hätte man nun jeden auf seinen ihm eigenen angemessenen Platz gestellt.
    Das ganze wirkt für mich deutlich souveräner gegenüber meinen Erinnerungen an die ersten zehn Spielen unter Kramny, diese richtig einzuordnen war in jener Saison zu diesem Zeitpunkt scheinbar auch nicht möglich gewesen.
    Erinnert sich eigentlich noch jemand daran wie L.Favre Mönchengladbach gerettet hat?
    Dort kam die Offensive erst in der nächsten Saison in bekannter Form zurück.

  5. Sommerwind sagt

    Ich bin schuldig! Warum? Königsmord. Ja, ich habe in der Halbzeit gegen Schalke 04, „Trainerwechsel sofort“ gepostet. Warum? Weil ich eine lustlose Truppe und einen kopfschüttelnden Trainer an der Line beobachtet habe. Lustloses Ballgeschiebe an der Mittellinie. Keiner traut sich was. Und das noch schlimmer als eine Woche vorher in Mainz.
    Dann kam für mich der nächste Tiefschlag, TK – nein, warum Den?

    Aber, wenn ich mir heute den VfB ansehe: Kampf, Leidenschaft, Wille. Es blitzen auch mal Spielzüge auf, die mir ein „WOW“ entlocken. Gut meist nur bis zum 1:0. Danach Abwehrschlacht auf höchstem Niveau. Fußball ist Emotion. Leidenschaft, Wille – bei den Spielern und bei uns Fans. TK scheint die Mannschaft zu erreichen, wirbelt in der Coachingzone. Ich habe das Gefühl er hat erkannt was zur Mannschaft passt. Ein Trainer muss sich auf die verfügbaren Spieler einstellen können, daraus ein Spiel machen. So wird ein Team draus. Und das sehe ich heute auf dem Platz. Konzepttrainer hin – Punkte her! Ich hoffe TK hat viel gelernt, aus den Tiefschlägen seiner Karriere. Deshalb Respekt vor den geholten 10 Punkte – und jetzt gilt – oben bleiben! BL war auch nicht der geliebte Trainer und hat sich für VfB-Verhältnisse doch sehr lange und anständig gehalten. Hinterher ist man meistens schlauer. Hört auf zu schimpfen. TK kann Abstiegskampf (siehe H96) und warum nicht auch 2018/19 mehr? Bei mir hat er jetzt auf jeden Fall (s)eine gute Chance. Chapeau Herr Korkut, bitte weiter so.
    BTW- HW erwarte ich zur neuen Saison 2018/19 beim BVB und bin überzeugt, er wird dort große Erfolge feiern.

    • @abiszet sagt

      @Vincent
      Ich denke, der Eindruck ist richtig – die Mannschaft spielt das, was sie kann, obwohl taktisch „nur“ an zwei, drei Stellschrauben gedreht wurde. Wie souverän das ist, sehen wir frühestens in Köln und dann im weiteren Saisonverlauf.

      @Sommerwind
      So, so, Du warst das also ;-) Zwei Dinge würde ich unterschreiben: Erstmal Respekt für TK für 10 Punkte in vier Spielen. Und zweitens: weiter so!
      Wenn Deine Einschätzung stimmt, dann ist die Mannschaft ein unangenehmer Haufen, denn nur nach einem Trainerwechsel Kampf, Leidenschaft und Wille zu zeigen, ist keine gute Charaktereigenschaft. Was TK bisher wirklich gut gemacht hat, dass er Dinge tut, die zur Mannschaft passen. Und er schaut nur aufs hier und jetzt: Dass Spieler wie Donis oder Akolo nicht entwickelt werden – egal. Dass Ginczek überhaupt nicht geschont wird – Risiko.
      Sebastian erwartet HW übrigens beim HSV – um ihn aus der 2. Liga wieder nach oben zu führen. ;-)

      • Sommerwind sagt

        @ Abizet,
        soweit sind wir gar nicht auseinander. Ich erwarte von einem Trainer das er das Potenzial der vorhandenen Mannschaft nützt und die positiven Eigenschaften/Talente fördert. Spieler dauerhaft dort einsetzt, wo sie sich wohlfühlen, weil nur dann sind sie stark. Ausnahmen bestätigen die Regel. Hoffen wir, dass TK weiterhin die richtigen Stellschrauben findet.
        Zu Donis und Akolo, beides große Hoffnungen. Der VfB bietet den Steigbügel. Beide haben ihre Chancen, nützen müssen sie sie selber. Und das sehe ich meist nicht auf dem Platz, ohne den beiden das Talent abzusprechen. Entwicklung? Hallo, die beiden sind mit die teuersten Spieler auf dem Platz. da muß es kacheln! Lehrzeit beendet.
        Thommy macht es besser… dass wir ein richtig Guter.

  6. Das wirklich verheerende ist doch eigentlich, dass fast die gesamte Mannschaft ausgetauscht wurde, aber die selben Mentalitätsprobleme wie vor zwei Jahren bestehen. Die Ursache muss doch irgendwo im Verein liegen.

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