VfB
Kommentare 3

Böser Fußball, gute Ergebnisse?

Jetzt ist wieder die Zeit, in der über die Schönheit des Spiels diskutiert wird. Mourinhos 2:1 gegen Klopp. Juves 2:1 bei Tottenham. Schalke duselt sich im Minimalistenmodus auf Platz zwei. Pal Dardais Hertha ist seit Jahren extrem eklig zu bespielen. Die Erfolgsserie des VfB Stuttgart mit Anti-Fußball (wie es DIE ZEIT nennt).

Weder in Turin, noch auf Schalke und in Berlin, noch in Augsburg, Freiburg, Hannover und Mainz, wo angeblich auch hässlicher Fußball gespielt wird, beklagt sich jemand darüber. Nur in Stuttgart, da wird vereinzelt gebruddelt. Nicht aus Gewohnheit, wie man es den Schwaben klischeehaft nachsagt, eher aus Nostalgie. Der VfB stand mal für Offensivfußball mit Klinsmann, Bobic, Elber, Balakov, Hleb und Kuranyi, mit dem frühen Gomez und Cacau, der VfB stand mal für jung und wild, und lief gegen Leipzig mit der ältesten Startelf seit 12 Jahren auf und ist dabei bieder, unansehnlich – aber erfolgreich. Tayfun Korkut ist mit seiner Herangehensweise an der Spitze einer Bewegung: „Der Zweck heiligt die Mittel“. Er ist ein Vertreter des „einfachen Fußballs“ – doch ist dieser auch „hässlich“ oder gar „böse“?

Es ist zeitgemäß, mit statistischen Werten das Spiel zu erklären, um es zu objektivieren. Aber die Anzahl von Torschüssen, die Zweikampfquoten oder die Angabe in Prozent beim Ballbesitz sagen nichts über die Ästhetik des Spiels aus. Was ist eigentlich “schön”? Tore? Garantieren viele Tore wirklich schönen Fußball? Oder sind es fluffige Spielzüge, wenn der Ball magisch vom einen zum anderen gespielt wird, bis sich eine Lücke auftut? Ist es die Spannung und Unsicherheit, wie sich ein Spiel entwickelt?

Schönheit kann in allem liegen. In einem hohen und weiten Ball, der als Befreiungsschlag gedacht war und zur Vorlage für einen Torabschluss wird. Schön finde ich auch, wie Santi Ascacibar durchs Mittelfeld pflügt. Schön ist aus meiner Sicht, wie Benjamin Pavard mit einer beeindruckenden Lässigkeit gefährliche Situationen auflöst. Und schön ist natürlich auch, dass der VfB immer mehr Punkte Abstand auf Relegations- und Abstiegsplätze sammelt.

Buffon, Chiellini, Barzagli, Khedira, Naldo, Gomez, Aogo, Beck (dass diese beiden einmal in einer solchen namhaften Liste auftauchen) – für den hässlichen, für den bösen, zynischen Fussball braucht es offensichtlich Erfahrung. Wer schon alles gesehen hat, der weiss eben: Risikominimierung lässt sich am ehesten mit Verteidigungsfußball erzielen. Getreu dem Motto, bei den meisten sieht der Fußball sowieso hässlich aus, dann lass uns wenigstens erfolgreich sein.

Tayfun Korkut arbeitet jeden Trainingstag daran, auch noch am nächsten Spieltag seinen Job zu haben, er hält zur Schönheit ebenso Distanz wie zu allen Fragen seines Spielstils. Er lächelt reserviert, manchmal scheint er fast belustig zu sein, wenn es um seinen Pragmatismus geht. Sein Storytelling ist: Mach‘ die einfachen Dinge gut. Das gelingt ihm und seiner Mannschaft. Sein Nichtangriffs-Fußball bringt dem VfB die notwendigen Punkte im Kampf um den Klassenerhalt. Dies sieht auf dem Spielfeld nicht immer gut aus, dafür in der Tabelle.

Unter ihm ist der VfB Stuttgart ein wahres Ergebnismonster geworden. Zwar hat nur der HSV weniger Tore geschossen als die Stuttgarter. Aber auch nur die Bayern haben eben weniger Gegentreffer hinnehmen müssen. Lässt man das Spiel in Köln außen vor, spielt Korkuts Truppe binären Ergebnis-Fußball in Perfektion: 1:1, 1:0, 1:0, 1:0, 0:0. Übrigens auch ein Verdienst von Hannes Wolf, der die traditionell wackelige Defensive stabilisieren konnte.

All jenen, die befürchten, dass der Korkut-Fußball nichts für die Zukunft ist, denen sei gesagt: Jose Mourinho verfolgt seit knapp 20 Jahren einen ähnlichen Ansatz, Peter Stöger stabilisierte so Köln und führte sie in die Europa League. Pal Dardai coacht die Berliner seit drei Jahren knochentrocken in sichere Gefilde und schafft damit Raum zur Weiterentwicklung des Hauptstadtclubs. Manche sind so ähnlich überdies Weltmeister geworden, Champions League-Sieger und spanischer Meister. Davon ist der VfB weit weg, sehr weit. Denn es fehlen noch ein paar Pünktchen zum Klassenerhalt. Wie die geholt werden, ist vollkommen egal. Oder?

Ob das immer noch der gerne zitierte „Stuttgarter Weg“ ist? Das wird sich zeigen, wenn die Klasse gesichert ist und Tayfun Korkut die Chance hat, die Mannschaft und das Spiel weiterzuentwickeln. Wie heißt es so schön: Man darf gespannt sein.

Darf gerne geteilt werden:

3 Kommentare

  1. drausvomLande sagt

    Über die Schönheit des Spiels urteilen meine Füsse, und die tragen mich zur Zeit nicht ins Stadion und auch nicht in den Fernsehsessel. Punkt.
    Eine Zeitinvestition in den VfB ist für mich zur Zeit einfach wirtschaftlich nicht sinnvoll.
    In Anbetracht der doch sehr zurückhaltenden Freizeit-Rendite ist für das nächste Geschäftsjahr eine Investition in Sky oder ähnlichem für mich doch mehr als fraglich.
    Hauptsache Erfolg, egal wie. Der Zweck heiligt die Mittel.
    Europa, wir kommen.
    Wenn schon Erfolgsfan, dann aber richtig, gell Bazi.
    ==> sucht sich doch jeder aus, was ihm passt, bei mir sind es die ersten 3.

  2. Pingback: Presse 14.03.2018 | rotebrauseblogger

  3. Es kommt doch nicht immer nur auf „Schönheit“ an. Am Ende zählt das Ergebnis, ob man nun „schön“ gewonnen hat oder nicht. Man kann auch „schön“ spielen und am Ende mit 0 Punkten dastehen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*