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Der Spieler, der aus der Kälte kam: Eyjölfur Sverrisson

Das „ö“ hatte es mir angetan. Wer ein ö im Vornamen hat, der muss rocken, so ähnlich wie Motörhead, dachte ich mir. Ich hatte gelesen, dass der VfB in der Winterpause 1989/1990 Eyjölfur Sverrisson (über die Schreibweise seines Vornamens existieren im Internet etwa drölf Versionen, ich mag die mit ö) verpflichtete. Nicht nur das ö weckte bei mir große Erwartungen, sondern auch sein isländischer Landsmann Asgeir Sigurvinsson. Der trug die Haare wie Johan Cruyff, hatte die Socken herunter gerollt wie Socrates und besaß den Blick für den freien Raum wie Bernd Schuster.

Am 21. April 1990 siegte der VfB 3:1 zu Hause gegen Werder Bremen und Sverrisson feierte sein Bundesligadebüt. Sein erstes Tor schoss Jolly, wie er bald ohne mein ö zu meiner großen Enttäuschung genannt wurde, zwei Spieltage später, als er beim 4:0 Heimerfolg gegen Nürnberg in der 53. Minute eingewechselt wurde. Das Line-up des VfB sah so aus:
Eike Immel – Guido Buchwald, Michael Frontzeck, Günther Schäfer – Karl Allgöwer, Maurizio Gaudino, Jürgen Hartmann, Manfred Schnalke, Ásgeir Sigurvinsson – Peter Rasmussen, Fritz Walter.
Ja, ich weiss, so eine historische Aufstellung ist das Arschgeweih für Nostalgiker wie mich. Verdammt old school.

Bis zu seinem Startelf-Debüt sollte es allerdings noch ein halbes Jahr dauern. Christoph Daum hatte mittlerweile Willi Entenmann als Trainer abgelöst und der Meistermacher setzte von Anfang an auf Sverrisson, wie übrigens auch auf Andreas Buck (nachzuhören auch in der erstklassigen Podcast-Folge von „Rund um den Brustring“). Auf die Frage, warum es der junge Isländer plötzlich unter seiner Führung zur Stammkraft schaffte, antwortete Daum angeblich: „Ich bin morgens aufgestanden, habe den Kühlschrank aufgemacht, und da saß Jolly drin.“ Soll heissen, Sverrisson ist der Spieler, der aus der Kälte kam? Oder dass er das Gemüt eines Kühlschranks hatte? Oder dass er vieles auf sich nimmt, um erfolgreich zu sein? So einen könnten wir heute noch gut gebrauchen.

Sverrisson hatte keinen pompösen Stil, er wirkte eher eckig. Was bedeutet, dass Jolly nicht unbedingt der Filigrantechniker war. Aber immer mit enormem Ehrgeiz und wahnwitziger Sprungkraft. 11 Freunde nannte ihn in einem Porträt „SvAIRisson“, auch wegen seiner Vergangenheit als U21-Nationalspieler der isländischen Basketballnationalmannschaft. Beim strahlenden, fast schon blendenden Blond fragte ich mich: Echte Föhnwelle oder eine Haartönung? Sverrisson wirkte optisch wie ein Schönling, spielerisch jedoch oft spröde, agierte aber immer direkt und schnörkellos oder wie Jogi Löw sagen würde: „högschd seriös“.

Bei Daum spielte Sverrisson eine Hybrid-Rolle: mal Mittelfeld, mal Sturm. Dass er durchaus torgefährlich sein, zeigte er im wohl besten Spiel seiner Karriere: Beim 7:0 gegen Borussia Dortmund am 18. Spieltag der Saison 1990/91 erzielt er drei Tore vor immerhin 22.000 Zuschauern. Es ist immer schön, anderen Menschen dabei zuzusehen, wie sie sich entwickeln, wie sie besser werden und ihr Beitrag zum sportlichen Erfolg immer wichtiger wird. Eine Erfahrung, die VfB-Fans in den letzten Jahren nur sehr selten machen konnten. Ich beobachtete Sverrisson, wie er Stammspieler wurde und entwickelte dabei ein Gefühl, wie ich es später bei Andreas Hinkel, Kevin Kuranyi, Mario Gomez oder Serdar Tasci erneut bekam: Aus dem könnte mal was werden, toll, dass ich von Anfang an dabei bin. Und vor allem bereitete ich mich darauf vor, irgendwann man sagen zu können „Ich habs schon immer gewusst!“

In der Meistersaison 1991/92 bestritt Jolly 31 Spiele, davon 24 in der Startelf. 1994 allerdings folgte er seinem Mentor Daum zu Besiktas Istanbul, dort wurde er türkischer Meister und schoss in 37 Spielen immerhin neun Treffer. Von 1995 bis 2003 arbeitete sich Sverrisson zum Publikumsliebling bei Hertha BSC empor. Ja, arbeiten. Er arbeitete schon beim VfB mehr als er spielte, in Berlin tat er dies deutlich defensiver im Mittelfeld und in der Innenverteidigung.

Aber was ist das schon gegen die ominösen Leeds-Spiele? Auch mit Einsätzen in zwei von drei dieser Spiele hat sich Eyjölfur Sverrisson einen festen Platz in der VfB-Geschichte verdient.
Sch-ö-n.

Die anderen Teile unserer kleinen Serie:

Teil 1:
Otto Baric – die maximale Witzfigur

Teil 2:
Bernd Förster – der Schattenmann

Teil 3:
Silvio Meißner – der Bodenständige

Teil 4:
Cristian Molinaro – das Teilzeitgenie

Titelbild: imago images / Pressefoto Baumann

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