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Donnerwetter!

Pellegrino Matarazzo wäre nicht der erste und vermutlich nicht der letzte Trainer, der mit einer verzweifelten Aufstellung versucht, das Ruder des vom Kurs abgekommenen VfB Stuttgart herumzureißen. Im American Football nennt man so einen Akt der Verzweiflung „Hail Mary“, in Cannstatt den „Bruun Larsen Move“, seit Hannes Wolf in seinem letzten Spiel als VfB-Trainer gegen Schalke 04 den ausgeliehenen Dänen völlig positionsfremd als Rechtsverteidiger einsetzte, und der arme Larsen sofort einen Elfmeter verursachte.

Ähnliche Horrorszenarien hatte man auch gestern im Kopf, als die Aufstellung publik wurde. Gleich auf sechs Positionen hatte der Trainer umgestellt. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Nach den letzten blutleeren Auftritten war frisches Personal unumgänglich. Aber dass Matarazzo neben Personal auch gleich Formation, Taktik und Spielweise über den Haufen warf, eine komplett neue Innenverteidigung an den Start brachte, und mit Mola und Badstuber die solidesten Spieler der letzten Partien auf die Bank setzte, mutete schon sehr aktionistisch an.

Dafür fand sich auf einmal Marc-Oliver Kempf, Kapitän a.D., in der Dreierkette wieder. Schade, dass man mittlerweile etwas den Überblick verloren hat, wer aus leistungstechnischen Gründen draußen sitzt, wer aus taktischen Gründen und wer aus disziplinarischen Gründen. By the way: Hat jemand in den letzten Wochen eigentlich mal Roberto Massimo gesehen? Aber zurück zum Spiel: Die letzten Wochen haben leider gezeigt, dass die Ankündigungen aus den Pressekonferenzen im Spiel nie eingelöst werden konnten. Über Mut, Tempo und Zielstrebigkeit wurde zwar viel geredet, aber auf dem Platz sah man davon wenig. Das war gegen Sandhausen anders. Das sah sogar der Trainer des Gegners so:

„Der VfB ist sehr offensiv und mutig ausgerichtet ins Spiel gegangen. Wir haben es in der ersten Hälfte nicht geschafft, den VfB in den Würgegriff zu bekommen, sprich, das was in den vergangenen Wochen sehr, sehr gut funktioniert hat, unser mutiges und offensives Anlaufspiel hat heute dazu geführt, dass wir in der ersten Linie schnell überspielt wurden und Stuttgart im Mittelfeld eine Überzahl herstellen konnte, sodass wir nie richtig den Zugriff auf das Spiel des Gegners bekommen haben.“

Tatsächlich spielte der VfB endlich mal so, wie es sich die zunehmend verzweifelnden Fans seit Wochen erhoffen. Aber warum auf einmal? Lag es an der Rückkehr zur Dreierkette, mit der Matarazzo schon zu Beginn seiner Amtszeit Erfolg hatte? Oder an den neu interpretierten Rollen von Gonzalez und Silas auf den Außenpositionen? Oder an Sasa Kalajdzic im Sturm? Oder daran, dass sich vermeintliche Stinkstiefel auf der Bank wiederfanden? Oder am Ende einfach daran, dass sich Philipp Förster seiner Rotzbremse entledigt hatte? Man weiß es nicht. Denn Matarazzo hatte vor dem Spiel an so vielen Stellschrauben gleichzeitig gedreht, dass es fast unmöglich ist, zu sagen, welche Maßnahme gegriffen hat. Es wirkt fast wie beim Würfelspiel Kniffel: Nach zwei völlig missratenen Würfen hat der Trainer einfach alle Würfel noch einmal in den Knobelbecher gepackt und im finalen Versuch ein Kniffel gewürfelt. Uns soll es Recht sein.

Natürlich war der Kantersieg Balsam für die strapazierten Nerven der Fans, Spieler und Verantwortlichen. Durch die Patzer von Heidenheim und Hamburg, die am kommenden Spieltag auch noch gegeneinander antreten, hat der VfB jetzt wieder das sichere Ticket für die erste Liga in der Hand. Um es einlösen zu können, sind zwei Siege gegen Nürnberg und Darmstadt nötig. Keine unmenschliche Aufgabe. Aber schon die zweite Halbzeit gegen Sandhausen hat gezeigt, dass die Spieler nach wie vor zu schnell zu zufrieden sind. Aber einer Mannschaft, die nach 32 Minuten 4:0 führt, kann man das nachsehen. Vor allem, wenn das 5:1 in der Schlussminute vom eingewechselten Egloff vorbereitet wird. Versehentlich, so wie es schien. Donnerwetter!

Und an Nürnberg haben wir ohnehin gute Erinnerungen, oder?

Das VertikalGIF zum Spiel findet ihr hier.

Titelbild: imago images / Sportfoto Rudel

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16 Kommentare

  1. drhuey sagt

    Was für eine Wohltat! Von Beginn an ein VfB auf dem Platz, dem man ansehen konnte, dass er will. Pumped! Grundsätzlich war es ein Auftritt, wie man ihn schon immer erwarten konnte von einem Aufstigsfavoriten: klar fokussiert auf das Ziel, wohlwissend, dass man besser besetzt ist als der Gegner, aber auch, dass man trotzdem alles reinhauen muss. Auf einmal war die Tiefe da, die Kommunikation auf dem Platz, das Bälle und Laufwege einfordern anstatt der zahlreichen Alibiübungen zuvor (ich würde mal annehmen, dass Kalajdzic hochgerechnet mehr gelaufen ist als seine Stossstürmerkollegen sonst). Wenn Matarazzos Plan war das Mittelfeld bei Ballbesitz zu überladen und die erste Linie der hoch anlaufenden Sandhäuser zu überspielen, um dann auch endlich mal schnell in die Tiefe zu spielen, dann hat das hervorragend funktioniert. Vielleicht haben wir auch den Mathematiker erlebt, der sich an die Chaostheorie erinnert hat: (Auszug Wikipedia: Im Wesentlichen beschäftigt sie sich mit Ordnungen in speziellen dynamischen Systemen, deren zeitliche Entwicklung unvorhersagbar erscheint, obwohl die zugrundeliegenden Gleichungen deterministisch sind). Das hat schon sehr viel mit Fussball zu tun. Ich hoffe, dass diese Mannschaft in Nürnberg genauso auf den Platz kommt und die nächste Duftmarke setzt.

  2. Bacardihardy sagt

    Tja so schnell kann es gehen. Gestern ist ein Knoten geplatzt.
    Man hat gesehen was für ein Potenzial in der Mannschaft steckt. Aber wie sagt man so schön „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“ und endlich durfte auch mein lieber Coulibaly spielen.

  3. Mozy sagt

    Das war der Alibi-Kick, auf dem man sich beruft, nachdem man den Aufstieg nach einer Niederlage in Nürnberg und einem Unentschieden in Darmstadt vergeigt hat. Ich bin nach wie vor nicht überzeugt. Kommt schon, nach diesen Nichtleistungen gegen den KSC und Wehen, dann sowas?!

    • Joachim Leuze sagt

      @Mozy, ein kleiner Vorschlag von mir: Vor dem o ein t, bitte setze hinter dem z ein k und ersetze das y mit einem i, dann ist Dein Namen passend zum Kommentar. Fürchterlich diese Art von Sichtweise. Wenn ein Spieler des VfB Eure Kommentare so liest und in sich aufnimmt, der bekommt mit größter Wahrscheinlichkeit Depressionen.
      Also ich kann Euren immer klagenden und jammernden Schrott nicht mehr lesen!

  4. Joachim Leuze sagt

    Dieser Sieg hatte einen Namen: Atakan Karazor! Für mich der Spieler des Abends! Er stand hinten sicher und seine Bälle/Pässe wurden mit einer Passgenauigkeit, Akribie und Sorgfalt von der Abwehr ins Mittelfeld befördert, welches ich persönlich nur noch von einem Spieler eigentlich kenne: von Kaiser Franz! Die Statistik gibt eines wieder: Mit Karazor in der Innenverteidigung hat der VfB im Durchschnitt 2,316 Punkte geholt. Wer sich gut erinnert, der weiß, dass der VfB die Rückrunde mit Karazor in der Innenverteidigung gestartet ist. Zu jener Zeit hat der VfB seine Spiele souverän gewonnen. Erst als die etablierten Spieler wie Badstuber, Kempf und Kaminski zurückkamen und diese auch eingesetzt wurden, bekam die Abwehr Löcher wie ein Schweizer Käse! Und man verlor wieder seine Spiele. Es ist müssig jetzt hinterher zu spekulieren, ob der VfB mit Karazor seine Spiele in Wiesbaden, Kiel oder gegen Karlsruhe gewonnen hätte, aber eines ist sicher: mit Karazor kam die Sicherheit und die Spielfreude wieder ins Spiel des VfB. Auch die Statistik spricht für den in Essen geborenen Deutsch-Türken. Matarazzo tut gut daran an dieser Innenverteidigung bzw Dreierkette mit Kempf, Karazor und Philipp festzuhalten, dann bin ich auch davon überzeugt, dass der VfB die kommenden zwei Spiele erfolgreich bestreiten wird und sein Ziel sofortiger Wiederaufstieg realisieren kann.

    Mit weiß-roten Grüßen
    J. Leuze

    • Bernd sagt

      Man darf aber auch nicht vergessen, dass Sandhausen den Fehler gemacht hat, dass sie versucht haben mitzuspielen.
      Der Club wird angesichts der Tabellensituation wieder den Bus hinten parken, und dann ist halt die Frage ob wir auch nur ansatzweise wieder so ein vertikales Spiel aufgezogen bekommen. Die Einstellung war immerhin auch deutlich besser als zuletzt, da bleibt zu hoffen, dass dies auch in den nötigen Läufen resultieren wird, um einen tiefstehenden Gegner zu knacken. Sasa als Zielspieler könnte uns da auch wieder entgegenkommen, aber das wird eine harte Nuss am Sonntag. Nur jetzt nicht denken, dass alles wieder von selbst läuft.

      • drhuey sagt

        100% einverstanden! Was aber auch einen Hinweis auf die mögliche Performance in der Bundesliga geben kann, in der zumindest mehr Mannschaften versuchen selbst zu spielen….und dann habe ich wieder Bock auf Aufstieg!

        • Bernd sagt

          Das ist zum Teil sicher richtig, andererseits würden auch gerade die Teams, mit denen wir uns um den Nichtabstieg klopfen würden uns den Ball überlassen und versuchen ihr Umschaltspiel durchzubringen. Ich habe bei dem Hitz’schen Weg ein wenig die Sorge, dass die Zeit für Ballbesitzfußball einfach seit einigen Jahren vorbei ist. Spätestens bei der WM 2018 hat man ja gesehen, wie technisch limitiertere Mannschaften den Ballbesitz-Maschinen reihenweise den Zahn gezogen haben. Kann natürlich auch sein, dass man mit der nächsten Generation an Ballbesitz-Fußball wieder durchschlagenden Erfolg hat, aber das kann auch ziemlich nach hinten losgehen.

  5. Mozy sagt

    @Jochim Leuze: Du hast mich durchschaut! Wie konnte Dir das nur gelingen? Sollten die Spieler vom Lesen der Kommentare wirklich Depressionen bekommen, haben Sie ja genug Kohle um in gute Therapien zu gehen;-) Spaß beiseite: Was haltest Du denn mal davon, die Meinung der anderen Kommentatoren hier einfach mal unkommentiert zu lassen? Jeder kann seine Meinung haben – und zwar so wie ihm di gosch g’wachsa isch…

  6. drausvomlande sagt

    Fakt ist: Wir hätten dieses Spiel und die noch folgenden mit 99:0 gewinnen können, wenn Hamburg auch gewinnt, kommen wir keinen Schritt vorwärts. So sieht’s aus.

    Fazit: Wir sind jahrelang nicht abgestiegen, weil sich andere einfach noch blöder angestellt haben. Jetzt steigen wir vielleicht auf, weil sich andere wieder blöder anstellen. Ob das nach dem nächsten Abstieg immer noch so ist?

    Vielleicht reißen wir ja selber mal wieder etwas?

    Schhhhhhhhrike!!!!!

  7. Fritzo62 sagt

    Freuen wir uns auf den Samstag, und so oder so wird alles am letzten Spieltag entscheiden. Der schlechteste Aufsteiger mit 54 Punkten war Mainz mit Klopp, das ist doch ein gutes Omen.
    Morgen wird es interessant, ob und wie Jens Keller seinen VfB-Frust auf seine Spieler übertragen kann. Und noch interessanter, ob die jungen Wilden auch morgen randürfen.
    Also: Brustring tragen – wer motzt, soll das leise tun

  8. Bernie sagt

    Es gibt nichts zuverlässigeres als den VFB, nämlich seine unkonstante Kickerei. Da spielt man auswärts in der Höhle des Löwen und gewinnt, verliert das nächste Heimspiel gegen den Tabellenletzten Zuhause. Das ist der VFB..Übrigen: gegen Nürnberg gibt es eine Klatsche, das war schon immer so.. Gegen starke Darmstädter höchstens ein Remis.
    Der VFBmuss leider nochmal ein Jahr in Liga 2 ausharren.

  9. Clemens sagt

    Das einzig konstante am VfB ist die Inkonstanz. Gerne lasse ich mich nachher eines Besseren belehren (allerdings auf gar keinen Fall von Herrn Leuze), dass die Partie gegen Sandhausen der lang erwartete Weckruf für die Mannschaft gewesen ist. Allein, es fehlt der Glaube, dass aus Mut und dem daraus resultierenden Erfolg nicht umgehend Selbstzufriedenheit wird und die Mannschaft glaubt, die Hürde „Nürnberg“ auch mit 95% Leistungs- und Laufbereitschaft nehmen zu können. Die 2. HZ gegen Sandhausen bot bereits einen kleinen Vorgeschmack auf das, was ich um 15:30 Uhr gegen die Club’erer erwarte. Man wird abwartend spielen, den Gegner kommen lassen und vollkommen überrascht sein, dass Keller seine Mannen mit einer Tasse Blut vor Anpfiff auf eine härtere Gangart eingeschworen hat. Silas und Klement werden schnell die Lust an Zweikämpfen verlieren, andere werden wieder den Passweg zur Seite oder zurück zu Kobel suchen. Und am Ende murmeln wir uns irgendwie selbst das entscheidende Tor ins Netz oder der am letzten Mittwoch unauffällig agierende VAR sieht exklusiv etwas, was außer ihm niemand sonst auf dem Platz oder vor den TV-Bildschirmen gesehen hat. Am Ende steht vermutlich ein Unentschieden, dass nur deshalb keine Auswirkungen besitzt, weil auch in Heidenheim die Konkurrenz für den VfB gespielt hat (oder sollte ich sagen: Rücksicht genommen hat) und sich die Punkte geteilt hat.

    • Clemens sagt

      Nun war meine Skepsis vollkommen unbegründet und der VfB zeigt sich zum zweiten Mal hintereinander von (s)einer (Schokoladen-) Seite, die wir uns häufiger gewünscht hätten. Aber dies ist Jammern auf höchstem Niveau. Wer wissen will, wie richtiges „Leiden“ geht, der schaue in die Foren des HSV.

  10. Elmar Amendinger sagt

    Karazor ist der Unterschiedspieler, man schaue auf Punkte Bilanz mit ihm, ein Geiheimnis warum der raus war

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