Mini-Feature, VfB
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Druck auf dem Kessel

Aktuell dürfte es auch den größten Optimisten ziemlich schwer fallen, etwas Positives aus der Situation beim VfB Stuttgart zu ziehen. Denn Hannes Wolf ist Geschichte und die sportliche Gesamtverantwortung trägt ein Michael Reschke, der irgendwie nicht so erfolgreich arbeitet, wie sich das alle bei seiner Einstellung erhofft haben.

Was mir Hoffnung macht: Es ist mehr Druck auf dem Kessel denn je. Denn Tayfun Korkut dürfte längst mitbekommen haben, dass die meisten nicht viel von ihm halten und noch weniger von ihm erwarten. Wie viele “So lacht das Netz über die Stuttgarter Trainerverpflichtung” benötigt man, um es allen zeigen zu wollen? Und wie viele hämische Tweets, um alles dafür zu tun, die Schwätzer Lügen zu strafen? Egal, es gab genug davon. Ja, auch von uns.

Außerdem ist der Job als Stuttgarter Cheftrainer wohl seine letzte Chance, um sich als Bundesligatrainer zu etablieren. Scheitert er beim VfB, fliegt er ein für allemal vom Trainerkarussell und muss wieder auf die Trainer-Reschkerampe zu Mirko Slomka und Michael Frontzek. Er hat also genug Gründe und Motivation, sein Bestes zu geben. Ob das dann letztendlich reicht, ist ein anderes Thema. Korkut sitzt am Samstag zum ersten Mal auf der Bank. Auswärts. Da erwartet man ohnehin die obligatorische Niederlage. Der letzte Auswärtssieg in der Bundesliga liegt schließlich ziemlich genau zwei(!) Jahre zurück. Er kann also nur positiv überraschen. Tayfun Korkut mag nicht unser Wunschtrainer sein. Aber er ist der einzige, den wir derzeit haben.

Auch Michael Reschke hat einen bemerkenswerten Sturzflug hinter sich. Ihm eilt(e) ein derart guter Ruf voraus, dass der Rauswurf des populären Jan Schindelmeisers zwar hohe Wellen schlug, aber auf keinen Fall einen Shit-Tsunami zur Folge hatte. “Supernase” Reschke kam schließlich direkt von den Bayern – ein besseres Empfehlungsschreiben gibt es nicht. Ein knappes halbes Jahr später fragt man sich allerdings schon, ob Reschke irgendwo auf der A8 zwischen München und Stuttgart gekidnappt wurde und ein Doppelgänger zum VfB geschickt wurde. Denn während man über die Verpflichtungen von Spielern wie Beck und Aogo noch diskutieren kann, muss man feststellen, dass er in der Öffentlichkeit kein gutes Bild abgibt – um es mal vorsichtig zu formulieren. Alleine bei seinen Statements rund die Entlassung von Hannes Wolf wünschte ich mir sehnlichst eine technische Übermittlungsstörung herbei. Oder jemanden, der ihm das Mikro wegnimmt. Jedenfalls ist auch Michael Reschke nicht mehr unumstritten. Korkut ist sein Mann und das Schicksal der beiden eng miteinander verknüpft. Scheitert Korkut, scheitert womöglich auch Reschke. Diese Situation gab es mit Hannes Wolf nicht.

Und Wolfgang Dietrich? Der hat mit der Installation Reschkes alles erst in Gang gesetzt. Außerdem dürfte ein erneuter Abstieg so gar nicht in seinen Businessplan auf dem Weg zum größten VfB aller Zeiten mit 100.000 Mitgliedern passen. Dass er schnell ungeduldig wird, gibt er selbst zu. Mal sehen, wie viel Zeit er Reschke und Korkut gibt. Aber klar ist auch: Der Druck auf ihn steigt. Das zeigen auch die deeskalierenden Maßnahmen, die aktuell unternommen werden: Emails vom Präsidenten an die Mitglieder, beschwichtigende Statements verdienter, ehemaliger Spieler, Interviews mit Kommunikationsexperten. Alle mit dem Tenor: Gebt Korkut eine Chance und seid nicht so gemein zu ihm.

Sie alle verkennen, dass sich der Unmut nicht gegen den Trainer richtet, sondern gegen die Entscheidungsträger. Er bekommt es leider jedoch ab, weil die Fans in seiner Personalie das jüngste Beispiel in einer Historie von Willkür, Missmanagement und dem Verdrehen der Wahrheit sehen. Als Hannes Wolf als Trainer vorgestellt wurde, gratulierte man dem Stuttgartern von allen Seiten zu dieser mutigen und innovativen Entscheidung. Jetzt wird der VfB ausgelacht. Und genau deswegen machen die Fans ihrem Unmut Luft. Die kollektive und ohnmächtige Wut der Anhänger als Shitstorm gegen Tayfun Korkut zu disqualifizieren, ist billig und zeugt von Unkenntnis – oder Ignoranz. Im Gegenzug jetzt die Fans in die Pflicht zu nehmen (Vor uns liegen nun 14 Endspieltage, bei denen jeder Weiß-rote in der Pflicht steht alles zu geben, damit unser VfB da bleibt[,] wo er hingehört, in der Bundesliga.“) ist ein gleichermaßen cleverer wie unverschämter Versuch.

Perfekt passt dazu ein aktueller Text der Dortmunder Kollegen von schwatzgelb.de zur Kritik von Roman Bürki an den eigenen Fans:

Erst wenn es nicht mehr läuft, dann werden die Tugenden des ‚alten‘ Fußballs beschworen und von den Fans eine Unterstützung eingefordert. (…) Aber wer sich für Fans sonst nicht interessiert, sollte auch im Notfall nicht ihre Hilfe einfordern.“

Die einzigen, die übrigens mal wieder keinen Druck verspüren dürften, sind die Spieler. Durch den Trainerwechsel ist das Team komplett aus dem Fokus der Wahrnehmung verschwunden. Das wird sich aber vermutlich schnell ändern, denn sportliche Erfolge sind das einzige Ventil, um sich vom Druck zu befreien.

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7 Kommentare

    • Pitchblack sagt

      [[Hab evtl. die Ironie hinter dem Statement in meiner Aufgewühltheit nicht wahrgenommen – ggf. folgende Antwort entsprechend richtig verstehen ;o)]]

      Nicht notwendigerweise. Dennoch sehen wir gerade ganz deutlich, dass die Ausgliederung nun mal kein Mittel war / ist, die über die Jahre eskalierten Probleme zu lösen. Geld (und mal so ganz nebenbei: Wo sind die Daimler-Millionen eigentlich?) lässt die (Fehl-)Verhaltensweisen, die bei uns in den letzten zehn Jahren bei Misserfolg zu regelrechten Reflexen wurden, halt nicht über Nacht verschwinden. Um eine kontinuierliche früher-mal-Vereinsentwicklung auf die Reihe zu kriegen, dazu gehört halt mehr als Kohle und nette Pläne, was damit angestellt werden soll. Mehr hat die Ausgliederung auf der Haben-Seite aber eben nicht gebracht: Kohle und Pläne.

      Die Entscheidung pro AG damals fiel übrigens bei sehr vielen aufgrund der Aufbruchsstimmung, die nach der Zweitliga-Saison und dem Aufstieg herrschte. Und die unbestreitbar durch das „Dreamteam“ Schindelmeiser / Wolf personifiziert wurde. Die beiden *waren* der Neuanfang. Und mit diesen beiden konnte auch die Ausgliederung und ihre pekuniären Folgen doch nur richtig geil werden.

      Weniger als Neun Monate später? Schindelmeiser weg, Wolf weg, Stimmung am Arsch, Chaos perfekt – und Köln, Bremen, Wolfsburg, Mainz und Freiburg schnappen sich die Popcorntüten und lehnen sich entspannt zurück.

      Denen haben wir’s aber gezeigt mit unserem Neuanfang!

  1. Viele Jahre wohnte ich in Stuttgart, kann mich noch an Champions League erinnern wo die halbe Stadt rot weiß geschmückt war. Meisterfeier. WM im eigenen Land.
    Mit Stuttgart 21 kam auch der Verfall des VfB, Zufall? Die aktuelle Rechnung bis zum Abstieg war glaube ich alle 10 Monate Trainerwechsel seit dem Baubeginn von Stuttgart 21. Dürfte sich jetzt kaum geändert haben diese Statistik, v.a. wenn der neue Trainer dann spätestens 4 Spiele vor dem Neuabstieg gegen irgendeinen anderen getauscht wird, bereinigt sich das wieder.
    Aber ehrlich, seit dieser Dietrich da auch noch was zu sagen hat, interessiert mich der VfB kaum noch. Das war bei S21 der größte Wendehals und Lügner ohne Fach- und Sachkenntnis. Nur dass beim VfB nicht Stadt und Land und der Steuerzahler Milliarden reinpumpen wenn die Führung vollpfostenhaft versagt, sondern der Club sang- und klanglos untergehen wird.
    Der Vorteil bei Stuttgart 21 ist, dass ich nur noch alle paar Jahre nach Stuttgart komme und dann sehe, dass bis heute nichts relevantes gebaut wurde. Und ich Gegner war und bin.
    Beim VfB war ich nicht nur Fan, das war auch der Verein meiner langjährigen Wahlheimat, was zum Identifizieren. Da könnte ich jeden Spieltag sehen wie weit die Misere fortgeschritten ist.
    Seit Jahren ist die Jugendabteilung nicht das, was sie früher war. Man muss sich nur Leipzig anschauen, bestes Scouting, top Marketing, von Kopf bis Fuß ein durchstrukturierter Verein. Beim VfB geht’s nur über Seilschaft, da ist einer beim VfB und bei Mercedes angestellt und macht mit sich selbst Geschäfte. Der größte Lump, der maßgeblich mit seinem Lügen-Geschwätz zur Spaltung der Stadt beigetragen hat, wird zur Vereinsführung erkoren. Mercedes kauft sich billigst ein ins Stadion, Porsche Deal wird ausgeschlagen.
    Der Fisch stinkt immer vom Kopf. Und beim VfB ist der Kopf schon längst verfault, seit Jahren völlig planlos und ohne Konzept.
    Habe hier heute am anderen Ende von Baden-Württemberg einen Commando Canstatt Aufkleber gesehen und dachte mir spontan, dass ich denke ich Ausland würde, der sich zu dem Chaos auf noch freiwillig bekennt.

  2. Bernd sagt

    Naja. Ich bin mit der Personalie Korkut auch nicht übermäßig glücklich, kann aber irgendwo nachvollziehen, dass man gerade nach den Ereignissen um Wolf einen Trainer mit erfolgreicher Erfahrung im Abstiegskampf haben wollte.

    Aber so rückblickend muss ich sagen, dass ich auch von der Aufbruchstimmung um Schindelmeiser und Wolf sehr angetan war. Zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte ich den Eindruck, dass beim VfB sowas wie ein Konzept zu erkennen ist. Zwar war nicht klar, ob es ein erfolgreiches Konzept sein wird, aber es war immerhin ein Konzept.

    Jetzt anderthalb Jahre später muss man einfach sagen, dass das Konzept gescheitert ist. Schon in der 2. Liga war nicht alles super (für den Etat war der Aufstieg letztlich dann doch eher wenig souverän), weswegen ich die ganzen Feierlichkeiten auch etwas deplatziert fand. Aber das war noch okay.

    Im Sommer dann gab es die ersten Risse, als Schindelmeiser vollmundig einen konkurrenzfähigen Kader bis zum Trainingslager versprochen hattte und dann nicht liefern konnte. Ob seine Entlassung daher notwendig war, kann ich nicht beurteilen, aber der Schritt war durch den Ersatz in Form von Reschke zumindest irgendwo nachvollziehbar.

    Spätestens aber nach dem spielerischen Offenbarungseid in Form der ersten drei Rückrundenspiele kommt man nicht drumrum zu sagen, dass das alles leider nicht so funktioniert hat, wie man sich das vorgestellt hat. Da jetzt Dietrich und Reschke die Schuld für zu geben, ist irgendwie zu einfach.

    tldr: Bundesliga ist hart. Für den VfB wäre es auch mit anderen Führungspersonen schwer die Klasse zu halten.

    • Bernd sagt

      Eins noch: Wenn man sich die erfolgreichsten Trainer der letzten 20 Jahre anguckt (Löw, Magath, Veh), dann wird man feststellen, dass die alle mit ziemlichem Gegenwind gestartet sind, während Trainer mit reichlich Vorschusslorbeeren (z.B. Trapattoni, Zorniger und eben auch Wolf) alle gescheitert sind. Das soll jetzt kein Plädoyer dafür sein, eine Gurke auf den Trainerstuhl zu setzen, uns allen aber vor Augen führen, dass Erfolge im Fussball halt nur sehr begrenzt vorhersagbar sind.

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