Mini-Feature, Spielbericht, VfB
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Für die Stimmung seid Ihr doch verantwortlich!

Cannstatter Kurve

Sonntag, 17:27 Uhr, Charlottenplatz: Ein hektisch wirkender Mitvierziger kommt mir entgegen und fragt: „Welche Bahn fährt nach Cannstatt? Ich muss ins Stadion!“.

Und ich denke mir: „Du siehst auch nicht mehr vom Spiel als ich.“ Am Sonntag Morgen merkte ich nämlich, dass die Freizeitgestaltung der Kinder mit dem Spielplan kollidiert. Und ganz ehrlich: Ich war nicht traurig. Denn in der bisherigen Saison kann man eigentlich froh sein, wenn der VfB erst am Sonntag spielt. Am besten noch um 17:30 Uhr, um den Anteil des Wochenendes, den man sich dadurch versauen kann, zu minimieren.

Kollege abiszet hingegen ist nicht nur pünktlich, sondern auch vor Ort. Und so sieht er, was der Mann vom Charlottenplatz und ich verpassen: Beste Stimmung im Stadion trotz vier Heimniederlagen in Folge und der erneute Beweis, warum Stürmer nichts im eigenen Strafraum verloren haben. Schon gar nicht, wenn sie Martin Harnik heißen und den Lauf ihres Lebens haben. Einen Lauf vor die Wand. Oder um Casper zu zitieren: „Nicht dein Tag. Jahrelang.“ So sieht abiszet die erste Hälfte:

Ich sage zu meiner Sitzplatz-Nachbarin: „Jetzt kannst Du das Spiel abpfeifen“. Der FC Ingolstadt hat gerade einen Elfmeter bekommen, nach dem Martin Harnik die erste von vielleicht hundert unglücklichen Szenen in diesem Spiel hinlegt und einen Gegenspieler im Strafraum umlegt. Denn dass Pommes Tyton, einer der auch schon fast hundert unglückliche Szenen in seiner kurzen VfB-Karriere hinlegte, den Elfer hält, das hoffen wohl nur unverbesserliche Optimisten aber nicht so ein Natural Born Bruddler wie ich. Ich stelle mir vor, was am Montag wieder los ist.

An der Haustür von Alexander Zorniger läutet es Sturm. Zorni denkt, das sind wieder die Nachbarskinder, die wie nach jeder VfB-Niederlage „Klingelputzen“ spielen und macht die Musik lauter. Die Band „Die Nerven“ läuft, „passt perfekt zu mir“, denkt sich Zorni, beim VfB braucht er gute Nerven, gerade weil er sie vor Fernsehkameras regelmäßig verliert. Das Läuten hört auch nach einigen Minuten nicht auf. „Was soll denn diese Scheiße?“, ruft Zorni laut und reißt die Haustüre auf. Vor ihm steht ein dunkel gekleideter Mann. Nicht mehr der Jüngste und ziemlich genervt. „Was isch denn los?“, brüllt Zorni. Der Mann tritt einen Schritt zurück und verschränkt die Arme vor seiner Brust. Er schweigt und starrt den VfB-Trainer eindringlich an. Die Stille ist Zorniger unheimlich. „Herr Zorniger, mein Name ist „Rauswurf“, mich schickt der Aufsichtsrat“, raunt der dunkle Mann. Jetzt lacht Zorni, „Ach komm‘, welcher Aufsichtsrat?“. Und um mich rum lachen auch alle, denn Tyton hat den Elfmeter wirklich gehalten!

Jetzt macht mir allerdings dieser Schlagerneffe Sorgen, Lukas Hinterseer, der kann auf einem Notenblatt fünf Mann umspielen und das tut er auf unserer Seite regelmäßig. „Den 16er kann ich nicht leiden“, sagt meine Sitzplatz-Nachbarin. Gar nicht leiden kann ich auch die hohen Bälle der Ingolstädter, denn die reichen schon aus, dass ich hektische Flecken im Gesicht bekomme. Toni Sunjic und Timo Baumgartl köpfen die Dinger zwar meistens raus, aber Harnik ist ja auch im Strafraum und man weiss ja nie, ob er die hunderterste Aktion hinlegt. Gut, dass Tyton endlich mal alles fängt, rausfaustet und wegschlägt. Gefällt mir. In der Pause habe ich kaum einen Blick für Jürgen Sundermann (ganz schön alt geworden), Georg Niedermeier (hübsche Frau hat er) oder Cacau (mächtig stolz auf seine Tochter), die Ingolstädter sind so unbequem wie eine Nummer zu kleine Sneakers, dazu fällt dem VfB wenig ein. Alexandru Maxim ist links verschenkt, Daniel Didavi als verkappte Sturmspitze vom Aufbauspiel abgeschnitten. Timo Werner rennt zwar viel, aber oft ist schneller als der Ball. Ich hätte gerne Filip Kostic gesehen, wie er an Tobias Levels vorbei geflogen wäre. Aber ob dann in der Mitte irgendeiner gewesen wäre, außer Harnik, der, … ach, nein ich höre jetzt auf mit dem Harnik-Bashing.

Diese ersten 35 Minuten, die ihn im Stadion so leiden lasen, sehe ich am Abend komprimiert auf ca. 120 Sekunden. Elfmeter: Dämlich verursacht von Harnik, und noch dämlicher geschossen von Leckie. Ganz ehrlich: Auch Sven Ulreich hätte sich schwer getan, den nicht zu halten. Dann Hinterseer, dem anscheinend niemand gesagt hat, dass Tunnel in Stuttgart überhaupt nicht gut ankommen, die ziemlich kläglich vergebene Großchance von Werner und ein Torwart Tyton, der trotz seiner schwierigen Situation einen sehr souveränen Eindruck hinterlässt. In der zweiten Hälfte zeigt Timo Werner, dass Zornigers Holzhammer-Psychologie zumindest bei ihm wirkt. Er ist mit seinem Rollkragenpullover zwar wärmer angezogen als die meisten Fans, zieht aber dennoch einen Sprint nach dem anderen an, geht in die Zweikämpfe und fordert den Ball. Allerdings darf man gespannt sein, mit welchen Tricks Zorniger es schaffen will, dem U21-Spieler mehr Effizienz einzuimpfen. Denn noch viel zu oft scheint Werner schneller als der Ball zu sein und schafft es nicht, den entscheidenden Pass in Mitte zu bringen. Bald wird man sehen, ob er „ein Großer“ wird oder doch der legitime Nachfolger von David Odonkor.  

Nach der geklauten Großchance (Werner wird wegen einer vermeintlichen Abseitsstellung zurückgepfiffen) ist es aus Fan-Sicht nur ausgleichende Ungerechtigkeit, dass Didavi als einer von drei im Abseits stehenden VfB-Spielern in der 59. Minute das 1:0 erzielt, ohne dass das Schiedsrichtergespann Einwände erhebt. Muss ja auch mal sein. Warum sollen immer die anderen Glück haben? Und Elfmeter? Und Tore? Und Punkte?

Nach dem Führungstreffer ist es fast wie in alten Zeiten: Der VfB zieht sich zurück und ist kurz davor, den Ausgleich zu kassieren. Es gibt wohl niemanden, der sich nicht freut, dass es Przemyslaw Tyton ist, der mit starken Paraden die Führung festhält. Schön ist auch zu sehen, dass Baumgartl und vor allem Sunjic zwar nach wie vor alles andere als ein Bollwerk sind, aber mittlerweile auch nicht davor zurückschrecken, in brenzligen Situationen kompromisslos Richtung Tribünendach zu klären, anstatt es mit spielerischen Mitteln zu versuchen. Denn wie das endet, hat man in dieser Saison schon zu oft beobachten müssen.

Was bleibt?
Standing ovations von der Haupttribüne, drei Punkte, das erste Zu-Null-Spiel seit dem 32. Spieltag der letzten Saison und mal wieder die Hoffnung, dass es nach sieben Punkten in den letzten vier Spielen endlich bergauf geht. Ein erkämpfter knapper Heimsieg gegen einen unbequemen Aufsteiger, der dem Team hoffentlich Selbstvertrauen gibt und Zorniger ein ausreichendes Punktepolster verschafft, um auch die fast schon obligatorische Niederlage gegen Leverkusen zu überstehen, bevor es im nächsten Heimspiel gegen Darmstadt geht. 

Festhalten lässt sich aber auch, dass der VfB längst nicht mehr so attraktiv spielt wie noch zu Beginn der Saison. Vorbei die Zeiten der hochkarätigen Chancen im Minutentakt. Während der Unterhaltungswert deutlich schrumpft, wächst das Punktekonto. Man kann eben nicht alles haben.

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