VfB
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Fuck yeah, VfB!

Ihr kennt das: Es gibt diese Tage, von denen man nichts erwartet. Der Samstag Nachmittag war so einer. Ich war in London, schlenderte durch Shoreditch, der VfB weit weg. Is‘ ja klar, er spielt in Leverkusen, wo seit 1992 nicht mehr gewonnen wurde und die Quoten auf ein Kießling-Tor waren im Keller.

Auf der Flucht vor fiesem Nieselregen landete ich in einem Pub mit eigener Brauerei, es war kurz vor halb drei Londontime und der Ticker meldete, dass Daniel Schwaab im Mittelfeld aufläuft, na Prost! Die Stimmung im Pub war gut, es war laut, es wurde schallend gelacht, wie so oft im Pub. Ticker und Twitter verfolgte ich lustlos, siehe oben when the expectations are low, fucking low.

Ich wollte irgendwann weiterziehen, der Regen ließ nach, aber dann kam Arianit Ferati und Martin Harnik netzte. Ok, ein schnelles Pint noch. So ne Führung in Leverkusen muss man feiern. Zum 0:2 versuchte ich ein Half Pint des hausgemachten Award Winning Lagers des Pubs. Es roch nach Urinstein, sah aus wie Apfelschorle und schmeckte nach Zitrone und Ingwer. Na ja, was tut man nicht alles für seinen Verein. Dann traf Karim Bellarabi zum 1:2 und kurz darauf Lukas Rupp zum 1:3. Ich konnte nur mit Mühe den Ausruf „Beer for everyone“ unterdrücken, aber so ein Craft Urinstone Lager bestellte ich dann doch!

Ich hätte es besser wissen müssen.
Es ist der VfB, es ist Leverkusen. Wie konnte ich davon ausgehen, dass Pommes Tyton mal die kurze Ecke zumacht? Wie konnte ich vergessen, dass der VfB in der Defensive gerne blinde Kuh spielt? Dieses Mal wurden Toni Sunjic die Augen verbunden und er torkelte durch die Abwehr wie ich wenige Minuten später aus dem Pub. Den VfB kannste auch im Ticker und auf Twitter nur besoffen sehn.

Ich hätte es wirklich besser wissen müssen.
Denn der VfB erfüllt zuverlässig Erwartungen: Spiele blöd herschenken, in der letzten Minute vergeigen, das ist seine Spezialität. Warum setzte ich in London plötzlich so viel Hoffnung in den VfB? Hausgemachtes Bier war es nicht allein, es war die Sehnsucht, aus der jahrelangen Abwärtsspirale rauszukommen, die bleiernen Spiele und Zitterpartien zum Ende der Saison hinter sich zu lassen. Nicht immer nur bruddeln und das Negative sehen, was alle tun. Der Trainer sei schuld, meint wohl nicht nur der kicker. Natürlich ist auch Robin Dutt schuld, weil er keine Kracher für Abwehr und Tor geholt hat. Dr. Best ist Schuld, weil Daniel Ginczek einen Bandscheibenvorfall hat. Und der Präsident und der Aufsichtsrat, die sind sowieso an allem schuld. Seit Jahren, auch wenn mittlerweile alle Führungskräfte ausgetauscht wurden.

Das alles wollte ich hinter mir lassen. Ich vergaß, der VfB ist wie der Stuttgarter Tatort: Obwohl ich weiss, dass er überwiegend in Baden Baden gedreht wird, freue ich mich auf die Settings aus Stuttgart. Obwohl ich das übertriebene Schwäbisch hasse, kann ich doch drüber lachen. Eine spannende Geschichte, moderne Schnitttechnik und Erzählformen erwarte ich nicht. So wie ich keine Siege in Leverkusen erwarte. Eher eine konstruierte Handlung und hanebüchene Figuren – das Beste ist immer noch Lannerts Targa!

Ich vergaß, der VfB ist wie ein Konzert der Fantastischen Vier: Die Setlist kann ich mir schon vorher ausrechnen und freue mich trotzdem darauf, auf einen Tag am Meer mitgenommen zu werden und immer locker zu bleiben. Überraschungen oder Innovatives erwarte ich nicht. So wie ich keine Siege in Leverkusen erwarte.

Ich vergaß, der VfB ist wie die S-Bahn im Kessel: Sie bringt mich von Ort zu Ort, manchmal verpasse ich sie, denn ich erwarte, dass sie nie pünktlich kommt. So wie ich erwarte, dass der VfB in Leverkusen verliert.

Die im Vergleich zum kicker deutlich differenziertere Analyse auf Spiegel Online kann ich nachvollziehen, schreiben könnte ich sie nicht. Denn dass der VfB mich hinterhältig in die Falle lockt, mir Hoffnungen macht, womöglich beim Angstgegner zu punkten, das nehme ich ihm echt übel. Die Süddeutsche Zeitung schreibt hier sehr schön über das Spiel. „Ein fahriges Abwehrverhalten der fast vollzählig im Strafraum versammelten Schwaben ermöglichten es Boenisch und Chicharito innerhalb von einer Minute (70./71.) ein 1:3 in ein 3:3 umzugestalten.“ Aber auch „der VfB stand selbst in der 89. Minute noch extrem hoch.“

Trotz allem: Der VfB ist der VfB ist mein VfB: Obwohl ich weiss, dass immer etwas schief gehen wird, dass immer irgendeiner einen Bock bauen wird, dass zum Pech oft auch fehlendes Glück kommt, schaue ich die Spiele immer wieder an. Auch im Ticker und auf Twitter. Ich erwarte keine Siegesserie. Aber es braucht nur einen kleinen Funken, schon geht die Euphorie mit mir durch. Weil es einfach Zeit wird, dass es endlich besser wird. Aber auf das Craft Urinstone Lager werde ich in Zukunft allerdings verzichten.


levvfb

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2 Kommentare

  1. Biggutzi sagt

    Diese Emotionen kenn‘ ich.
    Immer wieder sagt man sich: Noch nicht freuen. Wir wissen es besser… Und dann tut man es doch und dann bekommt man das Messer in den Oberschenkel gerammt.
    Weil das noch nicht genug ist, wird das Messer noch um 90 Grad in der Wunde gedreht und anschließend mit Jod bespritzt.
    Leider auch war: Der Bericht vom Spiegel zeigt von mehr Ahnung als der im Kicker. Aber das kennen wir ja von StN und StZ…

  2. Pingback: VfB-Lektüre am Montag, 26.10.2015 | Rund um den Brustring

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