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Mir fehlt etwas

Mir fehlt sogar ganz viel.

Ausgelassen zu sein, gedankenlos zu sein. Freiheit. Die Freiheit machen zu können, was ich will. Liebe Leute zu treffen, die Unbeschwertheit, in der Sonne in einem Cafe zu sitzen und Leute zu beobachten, eine spontane Umarmung oder einfach meine Mutter zu sehen.

Im Augenblick werden bei mir Dinge ganz laut, die bisher leise waren. Es sind Sorgen, die sonst verdrängt werden von scheinbar dringenden, aber meist banalen Problemen. Die Banalität ist gewichen der Sorge um die Gesundheit von Freunden und Familie und einem selbst. Die Sorge um die eigene berufliche Zukunft, die Unsicherheit der nahen und fernen Zukunft, ich fühle mich im Existenzkampfmodus. Und wo bekomme ich das nächste Klopapier her, verdammt? Ich lerne den alten Alltag schätzen, denn der ließ es kaum zu, über diese Dinge nachzudenken. Routinen bestimmten bisher meinen Tag, es ging ums Funktionieren und am Ende des Tages um Ablenkung von den schweren und komplizierten Dingen und dazu gehörte auch der VfB.

Als kleine Erinnerung an den bisherigen Tagesablauf fange ich meinen Bürotag im Homeoffice mit einem Spaziergang an, um zu simulieren, dass ich zur Arbeit gehe und um einen Lagerkoller zu vermeiden. Aber ich komme mir vor wie in einem Roland Emmerich-Film: Noch die Bilder der unnachgiebigen Marietta Slomka und des jovialen Ingo Zamperoni vom Abend im Kopf, rechne ich auf dem Weg zum Flaschencontainer – damit mein morgendlicher Gang auch ein Ziel hat – jederzeit damit, von Dennis Quaid (The Day After Tomorrow) oder Will Smith (Independence Day) angesprochen zu werden. Am Ende eines Emmerich-Films gibt es immer so etwas wie ein Happy-End. Das scheint bei Corona nicht unbedingt im Drehbuch zu stehen, denn das Virus ist wie ein VFX-Supervisor für Special Effects, mit Auswirkungen wie wir sie noch nie erlebt haben.

So wie ich Routinen vermisse, fehlt mir der VfB. Nicht wenige sagen, ihnen fehle das Spiel nicht so sehr, eher die Begegnung und der Austausch untereinander, der persönliche Zusammenhalt, die echte Verbundenheit, nicht virtuell, sondern ganz real, face-to-face. Stimmt, aber bei mir ist es vor allem das Spiel und die Emotionen, die damit verbunden sind. Die infantilen Dribblings von Nicolas Gonzalez. Die Autorität von Holger Badstuber. Der vierbeinige Wataru Endo (ja, er hat mindestens vier Beine!). Die Abseitssehnsucht von Mario Gomez.

Da hilft mir auch nicht die Re-Live-Sendung des EM-Halbfinales von 1996 zwischen Deutschland und England. Und auch nicht die Wiederholung des Pokalfinales von 1997 zwischen dem VfB und Cottbus. Ich habe noch einmal gesehen, mit was für einer unglaublichen Rumpelfüßler-Truppe Deutschland Europameister wurde und was für ein unfassbar geiler Kicker Krassimir Balakov war. Aber die Spiele sind ewig her, ich kenne die Ergebnisse, über dem VfB-Spiel bin ich sogar eingeschlafen. Ablenkung ja, aber Emotion?

Null. Wahrscheinlich weil 1997 mein Frust höher war, dass Giovane Elber den VfB verlässt als die Freude über den DFB-Pokalsieg. Ja, ich weiss: Kein Spieler ist größer als der VfB, aber so war das vor über 23 Jahren eben bei mir. Dabei bin ich durchaus ein Nostalgiker, Leser unserer „VfB-Fibel“ wissen das. Ich habe eine große Freude, auf alten Mannschaftsfotos aus den 80er und 90er Jahren die Spieler zu erkennen und mich an deren Leistungen zu erinnern. Aber es fehlt der aktuelle Bezugspunkt, da ist es gut, dass der HSV einfach so weiter macht als sei nichts geschehen und sich nach Querelen von seinem Vorstandsboss Bernd Hoffmann trennt.

Mir fehlt etwas.
Das Vergessen des Alltags und der Sorgen. Und sei es nur für ein paar Minuten. Um die Ambivalenz aus dem Kopf zu bekommen, dass die Zeit scheinbar steht, aber alle Verpflichtungen bestehen bleiben. Was wäre es entspannend, über Mannschaftsaufstellungen, Taktiken, Transfers und frühe Gegentore zu diskutieren. So zu tun, als ob das wirklich wichtig wäre. Ein bisschen Normalität, um die Ungewissheit los zu werden, die wie ein Nebel ist, in dem wir stecken, uns aber leider kein Scheinwerfer bei der Orientierung hilft.

Es fehlt mir die Struktur des Spielplans. Der formidable Holger Gertz schreibt in der Süddeutschen Zeitung: „Die Verlässlichkeit des Spieltags trug die Fans durch grauschwarze Tage: So wurde der Lieblingsverein zum Komplizen (…). Dein Partner kann abhauen. Du kannst in den Knast kommen, Dein Hund kann weglaufen (…), Dein Arzt kann Dir eine beschissene Diagnose stellen. Am Wochenende spielt trotzdem Dein Lieblingsclub“. Normalerweise stünde jetzt das Spiel gegen den HSV an.

„Aufstiegsendspiel“, „Crunch time“, #allesraushauen. Marc-Oliver Kempf wieder fit, Silas in Top-Top-Top-Form, Roberto Massimo macht den Roberto Hilbert auf der rechten Seite. Und Gonzalez und Gomez schießen alles kurz und klein. Womöglich wären die Hamburger so verrückt gewesen, den soliden Dieter Hecking zu entlassen, um vor dem Spiel gegen den VfB noch einmal „einen Reiz zu setzen“.

Und mir fehlt noch etwas.
Dass sich der Fußball nicht so wichtig nimmt. Während andere ihre Existenzgrundlage verlieren, verlangt der Profi-Fußball von sich und der Gesellschaft, dass die Saison bis 30. Juni zu Ende gespielt wird, weil daran 56.000 Arbeitsplätze hängen. Der Profi-Fußball verlangt eine Sonderbehandlung durch eng getaktete Corona-Tests. Eine Sonderbehandlung, die andere auch gerne hätten. Gastronomie, Handel, Dienstleistungsberufe wie zum Beispiel Friseure hätten damit unter Umständen eine andere Perspektive als Insolvenz anmelden zu müssen. Reklamiert der Profi-Fußball für sich, systemrelevant zu sein, weil er mit Geisterspielen die Menschen ablenkt von den alltäglichen Sorgen und den Existenzängsten?

Unabhängig von dieser Selbstüberschätzung: Wenn die Saison wirklich ab Mai zu Ende gespielt wird – können wir uns über einen Aufstieg wirklich freuen und über das Verpassen des großen Ziels mächtig ärgern? Entstehen Emotionen auf der Grundlage, dass Spielbetrieb und sportliche Ergebnisse erzwungen wurden, um Fernsehgelder zu erhalten? Dass also ein Spiel gespielt wird für Geld und nicht für Fans?

Wollen wir wirklich einen Phantomaufstieg nach Geisterspielen? Das fragt sich übrigens auch „Rey Bucanero“ in seinem offenen Brief an den VfB.

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1 Kommentare

  1. Silvia sagt

    Ich finde es absolut widerlich wie sich unser Herzensverein bzw. unsere Millionäre verhalten. Würde jeder von denen auf 40 % verzichten, bräuchten die 300 Mitarbeiter nicht in Kurzarbeit. Genau deswegen und wegen der Penetranz (2 Mails mit Verzichtserklärung – geht’s noch) werde ich nicht verzichten. Unterstütze statt dessen sehr gerne die Aktionen unserer Ultras. Danke dafür an Alle. Hier zeigt sich mal wieder wer Hirn hat. Der offene Brief hat mich auch sehr im Herz getroffen, da es mir genauso geht, auch dafür Danke. Während Menschen sterben haben die Vereine nur Geld im Kopf, schämt Euch. Es macht mich fassungslos, dass es mit Geisterspielen weitergehen soll und dafür auch noch wertvolle Tests verschwendet werden. Ich werde mir definitiv kein Geisterspiel anschauen.

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