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Vermissung

Sitzschalen. Sitzschalen in rot. Sitzschalen in blau. Sitzschalen in gelb, Sitzschalen in grün. Sitzschalen. Ich hasse Sitzschalen. Denn sie sind das Symbolbild des Fußballjahres 2020.

Das letzte Mal, als alle Sitzschalen im deutschen Fußball standesgemäß von Fan-Ärschen besetzt wurden, ist knapp 300 Tage her. Es war das Spitzenspiel der zweiten Liga. VfB Stuttgart gegen Arminia Bielefeld. 1:1 ging es aus. Die Älteren unter uns werden sich erinnern.

Photo by Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images



Danach: Lockdownle, Spielunterbrechung und die Bemühungen der DFL und der Clubs, den Profifußball schnellstmöglich gegen alle Widerstände und gute Argumente wieder ans Laufen zu bringen. Kein Wunder, schließlich ging es um die TV-Gelder. Und so kamen die Geisterspiele. 

Bitte, lasst uns nicht darüber diskutieren, ob manche Partien mit Fans eventuell anders ausgegangen wären! Dann könnten wir auch darüber diskutieren, ob Spiele ein anderes Resultat gefunden hätten, wenn man ohne Abseits gekickt hätte. Oder mit größeren Toren. Oder mit Medizinbällen. Fans sind Teil des Spiels. Fußball ohne Kurven ist für mich kein Fußball. Allerhöchstens Fußball light. Und den erleben wir aktuell.

Und das tut weh. Denn ausgerechnet seit jenem Spiel gegen Bielefeld spielt der VfB Stuttgart mit einigen Ausnahmen so aufregend wie seit Jahren nicht mehr. Bei Castros last minute Treffer zum 3:2 im Spitzenspiel gegen den HSV hätte vermutlich das gesamte Neckarstadion gewackelt. Beim 5:1 gegen Sandhausen am 32. Spieltag hätten wir so laut gejubelt, dass man es in Stuttgart-West noch gehört hätte. Doch so wurde der Aufstieg unter Ausschluss der Öffentlichkeit mit einer Heimniederlage gegen Darmstadt zelebriert. Naja. Immerhin schoss Mario Gomez sein Abschiedstor – und beendete seine grandiose Karriere vor leeren Rängen. Fick dich, Corona.

Photo by Christian Kaspar-Bartke/Bongarts/Getty Images

Zugegeben: Auch ich war skeptisch, was die Bundesliga-Saison anging. Der gleiche Kader, der sich gegen Größen des Weltfußballs wie Wehen Wiesbaden, Holstein Kiel und den VfL Osnabrück so schwer tat, sollte es in der Bundesliga richten? Verstärkt mit Spielern wie Coulibaly, der bislang in der 5. Liga kickte oder Matteo Klimowicz, der in der Zweitliga-Saison auf 131 Minuten Spielzeit kam? Man hat uns VfB-Fans ja schon viel Blödsinn erzählt, z. B., dass Adam “Lord” Hlousek auch Innenverteidiger spielen kann. Aber, ganz ehrlich: Ich bin zu alt für diesen Scheiß.

Umso überraschender ist es natürlich, dass der “neue” VfB nach acht Spieltagen nur ein Mal verloren hat. Viel überraschender: Das Team hat acht Mal mutig und leidenschaftlich gespielt! Es ist ein bisschen wie unter Alex Zorniger in der Saison 2015/2016 – nur mit Punkten.

Diese Mannschaft hat es definitiv verdient, dass knapp 60.000 Fans sie im Stadion frenetisch anfeuern. Und umgekehrt haben die es die treuen und leidensfähigen Fans verdient, diese Mannschaft live im Stadion zu erleben und anzufeuern. Sozusagen als Wiedergutmachung für die vielen blutleeren Auftritte in der vergangenen Zweitliga-Saison.

Unter uns: Würde der VfB Stuttgart aktuell nicht so wahnsinnig viel Spaß machen, ich wüsste nicht, ob ich noch Lust auf Geisterspiele hätte. Ich hasse – neben den Sitzschalen – auch das ständige Gebrüll der Spieler auf dem Platz und der Verantwortlichen daneben. “Hey, hey, hee, he, HEY!” Und das 90 Minuten lang. Inklusive des Echos, das von den leeren Rängen zurückgeworfen wird.  Schlimmer ist nur die Tonspur mit den fake Fangesängen. Ebenso intensiv vermisse ich die Statements der organisierten Fanszenen. Das tagesaktuelle Gegengewicht zum Establishment fehlt komplett – und das seit Monaten. Letzte Woche möchte uns Karl-Heinz Rummenigge erklären, was Solidarität bedeutet. Diese Woche erklärt uns Oliver Mintzlaff von RB Leipzig im kicker, wie man solide wirtschaftet, ohne Kredite aufnehmen zu müssen. Was kommt nächste Woche? Manuel Baum erklärt uns, warum er auf Schalke so erfolgreich ist?

Würde der VfB Stuttgart – trotz Datenskandals – aktuell nicht wie ein Eisberg mit rotem Brustring aus dem schmutzigen Meer, das der Profifußball aktuell ist, herausragen, ich würde mir vermutlich eine andere Sportart suchen. Achso, gibt’s ja gerade nicht wirklich, Okay, fick dich, Corona.

Was ich sagen will: Der Fußball braucht seine Fans. Ich brauche seine Fans. Für ihre Stimmung. Für ihre Meinung. Für den Fußball.

Dietmar Hopps vollmundiges Versprechen, dass das von ihm finanzierte Unternehmen bereits im Herbst einen Impfstoff gegen Corona auf den Markt bringt, hat sich leider erwartungsgemäß nicht bestätigt. Aber immerhin liefert offenbar die Konkurrenz. So besteht Hoffnung, dass wir spätestens zur neuen Saison wieder volle Stadien erleben dürfen. Ich freue mich wahnsinnig auf den Moment, wenn endlich wieder Fans in den Kurven stehen und Ärsche auf den verdammten Sitzschalen hocken – und zwar auf allen.

Denn ohne Zuschauer und ohne organisierte Fanszenen bewegt sich der Vereinsfußball dorthin, wo die Nationalmannschaft längst angekommen ist: in die Bedeutungslosigkeit.

Alle oder keiner. Ich freue mich darauf, wenn es endlich soweit ist!

 

 

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4 Kommentare

  1. Thomas Draffehn sagt

    …sehr cooler Artikel… ich schließe mich Dir an und sage ebenso „Fick Dich Corona“… meine wirklich ernst gemeinte Frage ist zusätzlich, wo denn die Superspreader beim Spiel gegen Bielefeld vor 300 Tagen genau saßen oder standen? Große Welle in der Presse und der Landespolitik, aber nach 14 Tagen keine Rede mehr davon, weil man keine Katastrophe gefunden hat…Jeder der Bahn, S-Bahn, U-Bahn oder Bus fährt, fragt sich, ob man nicht auch Menschen (von mir aus alle mit FFP2-Vorhang, weil billiger als Testen) in die Stadien lassen könnte. Aber jetzt haben eh schon „Alle“ von oben bis unten die Hosen voll, oder keine Ahnung (davon aber am meisten). Meine Einschätzung: Es wird so lange exorbitant getestet, bis die Impfung da ist. Erst wenn wir 83 Millionen Dosen haben (bei 82.999.999 Menschen ohne Symptome bzw. negativ getestet) und jeder in den Genuss kommen kann (aber wohl nicht wirklich muss), werden die Stadien wieder voller, aber dann dürfen nur die Geimpften rein (richtig blöd gelaufen dann für die, die es nicht wollen). So z.B. wie die Fluggesellschaft Quantas seine Reisenden schonmal vorab informiert hat: Ohne Impfung kommst Du nicht nach Australien, aber wer will da schon hin. Viel Spaß dann ab ca. August 2021 mit den 60.000 VfB-geimpften Fans oder andersherum. Ich geh dann weiter Golf spielen, bis ich mehr über die (Neben-) Wirkungen der Vaccine weiß. Jetzt bin ich mal gespannt, ob das als freie Meinungsäußerung hier durchgeht ;-)? Egal ob oder ob nicht, macht weiter so Jungs… erfrischend anders… (Anmerkung: Es gibt SARS-COV2 und ich habe Respekt vor den Menschen in der Pflege oder Medizin, die das hier und noch viel mehr bewältigen müssen. Aber wir haben auch noch andere schlimmere Krankheiten. Die Opfer, die die Zivilbevölkerung (u.a. Entzug von Brot uns Spiele) und die Wirtschaft hier aufzubringen haben, stehen aus meiner Sicht in einem sehr schlechten Verhältnis zur Realität. Davos Januar 2020 lässt grüßen…)

  2. Delia König sagt

    Bin voll Deiner Meinung. Gut geschrieben. Ich habe die zwei Spiele, wo wir sehr reduziert als Fans rein durften, genossen. Ich vermisse mein Stadionumfeld, auch meine Auswärtsfahrten mit Vfbaway und hoffe, dass es alles wieder wird und wir alle gut aus Corona raus kommen. In diesem Sinne: Auf gehts Jungs aus Cannstatt. Bleibt alle gesund und fröhlich. ⚪️🔴Grüssle aus BC

  3. Peter Schäuble sagt

    Ja ,,, der Stadionbesuch fehlt mir sehr. Bin (seit Jaaaahren) immer mit mit meinem Sohn dort (beide DK-Inhaber), immer am selben Platz, immer dieselben lieben Leute um uns herum. Immer granatenmäßig gute Stimmung. Zum Glück hab ich einige Videos auf dem Handy, die lasse ich regelmäßig laufen: „Sing doch mit, ja kennst du nicht die Kraaaaaaft, die Leidenschaaaaaaaft, die Spiele drehen kann…“. Und so weiter. Dürften wir jetzt ins Stadion …. das Arena-Dach würde wegfliegen.
    Durchhalten, Leute. Gesund bleiben. Dem VfB die Stange halten. Wir sehen uns wieder. Hoffentlich.
    1893 hey, hey, hey

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