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Im Style einer Betriebsmannschaft

Ein neues Trikot ist immer wie eine Fashion-Show. Die VfB-Fans sitzen in der Front Row und schauen mindestens so grimmig wie Vogue-Chefin Anna Wintour. Wird das neue VfB-Trikot eine Style-Sünde oder zum Fashion-Favourite? Regel 1 im Fashion-Guide: Um einen rosafarbenen Anzug zu tragen, muss man in Miami leben oder Don Johnson heißen (remember die Serie Miami Vice?). Regel 2: Ein Trikot mit einem roten Brustring und VfB-Logo ist immer ein schönes Trikot und kann zu jeder Gelegenheit und überall getragen werden. Das sogenannte „First“ (oder “Heimtrikot” wie wir älteren sagen) überraschte in der Vergangenheit selten mit ausgefallenen Looks: Weißes Trikot, roter Brustring, mehr braucht es nicht. Und 2021/2022? Der VfB präsentierte jetzt das neue Outfit und bezeichnet es selbst als “eine Verbindung zwischen traditionellen Farben und modernen Details“. Schauen wir mal im Detail drauf, wie so Mode-Blogger. Farben: Weiß und rot. Plus schwarz am Kragen, am Brustring und an den Ärmeln. Das gabs so ähnlich in der Saison 2017/2018. Damit wurde immerhin der siebte Platz erreicht. Würden wir nehmen. Roter Brustring: Klar, was sonst. Es …

Silas bleibt Silas

Silas hatte den Traum vor Augen, in Europa Profi-Fußballer zu werden. Wollte aus seinem prekären Umfeld fliehen. Wollte als Profifußballer in Europa für seine Familie sorgen können. Eine einmalige Chance. Um seinen Traum wahr werden zu lassen, hat er seinem Berater vertraut. Sich sogar abhängig gemacht von ihm. So weit, dass er bereit war, seine Identität zu ändern, um die Chance seines Lebens nicht verstreichen zu lassen. Ein Fehler. Vermutlich sogar eine Straftat. In Anbetracht seines jungen Alters und seiner mangelnden Lebenserfahrung jedoch nachvollziehbar, zumal er von seinem Berater offenbar unter Druck gesetzt wurde. Silas hatte zeitweise keinen Zugriff auf seinen Reisepass und sein Bankkonto, war komplett abhängig von seinem damaligen Berater. Vermutlich kein Einzelfall, sondern die Regel. Das Transferbusiness im Fußball ist skrupellos. Junge Spieler werden oft nicht als Menschen betrachtet, sondern als Kapitalanlage. Sven Mislintat sagte dazu in einer Presserunde: “Er wurde unter falschen Versprechungen nach Frankreich gelockt und dort wurde ihm gesagt, dass es nur weitergehen könne, wenn er seinen Namen ändere und dann entsprechende Dokumente bekommen würde. Silas lebte im Haus …

Love is all around

Kennt noch jemand DJ Bobo? Er war mal sowas wie die Helene Fischer der Schweiz und stilbildend bei Frisuren, Kostümen und Choreos wie nach ihm nur noch Jeanette Biedermann und Ed Sheeran. Fast die gesamte Saison saß ich bei den Spielen des VfB vor dem Fernseher und machte diesen Signature-Dancemove von DJ Bobo (ich bin ein benadeter Sitztänzer): Weit ausgebreitete Arme, mit denen ich die Welt umarmen wollte, weil der VfB so überraschend gut spielte. Und DJ (Freunde dürfen ihn DJ nennen) schrieb auch schon vor rund 30 Jahren den Soundtrack für die VfB-Saison 2020/2021. Mit dem titelgebenden „Love is all around“ natürlich, aber auch mit „There is a Party“, “VfB can make it a better place (aus „Pray“) und „VfB is what I’m living for“ (aus „Everybody”). Mein Resümee zur #VfB Saison auch wenn keiner danach gefragt hat: War gut, gerne wieder. — 𝒩𝑒𝒸𝓀𝒶𝓇𝓅𝑒𝓇𝓁𝑒 💋 (@snowwhizzl) May 22, 2021 „Wir verfügen über sehr gute Qualität, sehr viel Potenzial, ein gutes Gerüst, eine gute Mischung – wir können uns auf die Bundesliga freuen.“ Für diesen …

Wataru Endo: Der Equalizer

Es ist ein bisschen ungerecht gegenüber Svonimir Soldo und Pavel Pardo. Gegenüber Carlos Dunga, Srecko Katanec und Roland Hattenberger, gegenüber VfB-Legende Guido Buchwald sowieso, der lange im defensiven Mittelfeld, spielte, auch gegenüber Jürgen Hartmann, der einst sogar gegen Diego Maradonna im direkten Duell antrat. Gegenüber William Kvist weniger, der beim VfB eher unglücklich agierte und dafür gegenüber dem unermüdlichen Zwieikampfmonster Serey Dié. Würde es im Moment eine Umfrage unter VfB-Fans geben, wer der beste Sechser aller Zeiten beim VfB war, Platz 1 für Wataru Endo wäre keine Überraschung. Manche nennen ihn den „Bodyguard, der Staub saugt“ oder „Den Raumschließer“. Wir haben die Endokratie ausgerufen und ihn den Endonator genannt. Dabei ist er kein draufgängerischer Superheld, sondern eher ein introvertierter und zurückhaltender Typ mit einem ausgleichenden Charakter. Er ist immer dort, wo man ihn braucht. Um Schnittstellen zu schließen, Passwege zuzustellen oder einfach mit einem seiner vier Beine den Ball zu erobern. Darin ist er ebenso versiert wie in der Fähigkeit, den Ball zu behalten. Oft sieht er sich beim Pressing einer Überzahl an Gegenspielern gegenüber, …

Sasa Kalajdzic: King of Cool

Er ist der König des Strafraums, der Herr der Lüfte, der Fürst der Field-Interviews und das emotionale Herz des VfB-Teams. Er vereint scheinbar alle positiven Eigenschaften in einer Person: Teamspirit, Torinstinkt, Charme, Cleverness, Humor, Spielintelligenz, Mut, Übermut und Demut. Der in Wien geborene Sohn serbischer Eltern ist einer der spannendsten Spieler der Bundesliga. Er weiß nicht, was eine Jugendakademie ist und profitiert von seinem ungewöhnlichen Werdegang, in dem er als junger Fußballer fast alle Positionen im Mittelfeld gespielt hat. Denn ihn nur auf seine Körpergröße von zwei Metern und ein gutes Kopfballspiel zu reduzieren, wird ihm nicht gerecht. Sein Bewegungsablauf wirkt zwar manchmal tolpatschig, wenn er mit rudernden Armen zu sprinten versucht, aber im Grunde ist er einfach nur cool. “Ich bin nicht der klassische Riese, der vier Meter breit ist und sich vor lauter Kraft kaum bewegen kann, sondern eher der Schlaks, der mit dem Ball umgehen kann“, sagt er. Wenn Sasa das 2:2 gegen Union Berlin schießt, denke ich “Ok, cool”. Wenn er den Fuß hinhält zum 2:1 gegen Gladbach, „Ok, cool”. Wenn …

Waldemar Anton: Auf Boss Level

Eins kann man sagen: Waldemar Anton hat beim VfB Stuttgart mehr Glück und ein deutlich höheres Standing als zuvor Karim Haggui, Konstantin Rausch und Mo Abdellaoue, die ebenfalls von Hannover nach Stuttgart wechselten. In Hannover war Anton allerdings zum Verhängnis geworden, dass er so talentiert ist: Er kann in der Innenverteidigung auf allen Positionen der Dreierkette spielen, er kann auf der Sechs agieren, er ist zweikampfstark und mutig im Spielaufbau. An der Leine wurde er zudem zum Kapitän befördert und doch überfordert, weil die Mannschaft strukturell und charakterlich unrund zusammen gestellt wurde, wir kennen das in Stuttgart nicht nur von Herrn Reschke. Auf Anton lagen stets hohe Erwartungen – vielleicht manchmal auch zu hohe. Am Ende wirkte der U21-Europameister von 2017 (ohne Einsatz allerdings) orientierungslos bis er nach seinem Wechsel zum VfB das wurde, was ihm im Blut zu liegen scheint: der Abwehrchef. Die englische Webseite Soccer Souls schrieb 2019 über ihn: “The German is a top tackler and relies more on positioning than pace. He can pick out a pass, bring the ball out …

Sven Mislintat: Der Zocker mit dem Diamantenauge

Ob Sven Mislintat von Wolfgang Dietrich oder doch von Thomas Hitzlsperger zum VfB Stuttgart geholt, wurde, variiert je nach nach Erzählung und Erzähler. Nach zwei Spielzeiten kann man festhalten: Hauptsache, er ist da! In Bad Cannstatt wurde viel zu lange nach Gutsherren-Art gehandelt: Schnell wechselnde Sportdirektoren holten Spieler, mit denen die noch schneller wechselnden Trainer viel zu oft nichts anfangen konnten. Entwicklung? Nachhaltigkeit? Keine Chance. Das änderte sich mit Sven Mislintat. Vom Sportvorstand Hitzlsperger mit allen Freiheiten ausgestattet, hat er es sich zum Projekt gemacht, den neuen VfB zu bauen. Dabei hat sich schnell gezeigt, dass der nice Dude nicht vor unpopulären Entscheidungen zurückschreckt. Für Andreas Beck, Dennis Aogo, Christian Gentner und Holger Badstuber war kein Platz auf Mislintats Baustelle. Für Tim Walter auch nicht. Riskante Entscheidungen, die belohnt wurden. Sven Mislintat ist ein Zocker: Er wettete darauf, dass der unbekannte Matarazzo der richtige Coach sei, um das junge Team in der zweiten Liga weiterzuentwickeln und gleichzeitig aufzusteigen. Er gewann diese Wette denkbar knapp. Man denke da nur an seinen Auftritt bei SWR Sport nach …

Borna Sosa: Der Soul Surfer

„Das könnte sein Jahr werden!“ Sven Mislintat war im „kicker“ vor der Saison optimistisch, dass Borna Sosa nach diversen Verletzungen und Formkrisen in seiner dritten Saison den Durchbruch beim VfB schafft. Wie so oft hatte Mislintat recht. Seine Flanken sind wie Wellen, kurvig und mächtig und gefährlich für den Gegner. Und er berührt das Herz mit seinem ernsthaften Blick, der erst freundlich wird, wenn Sasa Kalajdzic zu ihm kommt, um sich für eine Torvorlage zu bedanken. Sosa hat diese melancholische Eleganz, die seine Verletzlichkeit erahnen lässt, er ist sensibel und emotional, wie seine Aussagen rund um seine Einbügerung in Deutschland zeigen. Über seine Flanken, die meist nicht scharf, sondern hoch fliegen und plötzlich runter fallen, spricht jeder. Die übt er auch in jedem Training. Die englische Fußballseite „First Time Finish“ schrieb: “Sosa’s crossing ability is unique in an era where crossing is becoming a ‘dying art’ in the game. Perhaps only Trent Alexander-Arnold compares to the 23 year old in the current generation when it comes to this unique attribute. When Sosa is about to …

Philipp Förster: Der Spalter mit dem Schnauzer

Was spaltet die VfB-Fans am meisten? Wolfgang Dietrich? Hitz vs. Vogt? Linsen vs. Spätzle? Nein, es ist natürlich Philipp Förster! Die einen halten ihn nach wie vor für nicht bundesligatauglich, die anderen feiern seine Laufstärke, sein Pressingverhalten und den vorletzten Pass vor dem Torabschluss. Klar ist: Philipp Förster hat sich im Windschatten von Überfliegern wie Silas, Sosa und Sasa heimlich, still und leise von einem unauffälligen Zweitliga-Kicker zu einem Spieler entwickelt, der zweifelsohne Bundesliga-Startelf-Potenzial hat. 24 Spiele, 3 Tore und 200 Laufkilometer stehen für den Mann zubuche, der schon früh vom KSC in die Stuttgarter Jugend flüchtete wechselte und über die Stationen Waldhof Mannheim, Nürnberg und Sandhausen wieder dort gelandet ist, wo er schon von 2010 bis 2014 für die U17 und U19 spielte. Förster ist kein Mittelfeldstratege wie Endo und Mangala, kein Spektakelspieler wie Silas, kein Vollstrecker wie Sasa Kalajdzic. Philipp Förster ist genau der Spieler, der in Matarazzos Ensemble noch fehlt: Ein fleißiger Arbeiter, der die taktischen Anweisungen des Trainers zuverlässig umsetzt. Sind Endo und Mangala die Kommandozentrale, ist Förster der Maschinenraum. An …

Pellegrino Matarazzo: Der Pate

Hand aufs Herz: Wer hätte nach der Derby-Niederlage von nicht mal einem Jahr geglaubt, dass Pellegrino Matarazzo der erste Coach seit Bruno Labbadia sein würde, der eine komplette Saison auf dem VfB-Chefsessel übersteht? Trotz der symbolischen Vertragsverlängerung vor dem Spitzenspiel gegen Hamburg sah es überhaupt nicht so aus, als ob der US-Italiener derjenige sein würde, der den Aus-Schalter des VfB-Trainer-Karussells findet. Zu uninspiriert waren die Auftritte seiner Mannschaft in der zweiten Liga, zu schwer tat sich die Mannschaft gegen weitaus schwächere Gegner wie Wiesbaden und Osnabrück. Rückblickend lässt sich sagen, dass die Verantwortlichen damals den Spagat wagten: Einerseits aufsteigen, andererseits eine Mannschaft entwickeln, die nach dem Aufstieg auch in der Bundesliga bestehen kann. Eine Mission, die fast scheiterte. Aber eben nur fast. Mit atemberaubenden Spielen gegen Sandhausen und Nürnberg ballerte sich der VfB Stuttgart in die erste Liga. Während wir uns in der Sommerpause fragten, wer beim VfB eigentlich die Tore schießen soll, formte Pellegrino Matarazzo in aller Ruhe sein Team. Mit Spielern wie Klimowicz und Coulibaly, die in der Saison kaum Zweitligaspielzeit bekommen hatten, …