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Nächste Ausfahrt: München

Bayern-Trikots hier? Really? Ja, denn es geht um Liebe. Es gibt die Liebe, die sich allmählich entwickelt. Man schleicht um sich rum, oft traut man seinen Gefühlen nicht, bis es endlich so weit ist. Umso intensiver ist es. Es gibt die Liebe auf den zweiten oder dritten Blick. Man kennt sich ewig, nix passiert und plötzlich macht es bumm(s). Und es gibt love at first sight. Sie ist überfallartig, sie ist mitreißend und trifft einen völlig überraschend ins Herz. Wir sind nicht Deutschlands größter Herzschmerz-Blog, obwohl es bei uns schon oft um Liebe ging, zum Beispiel hier und hier. Aber ein bisschen so wie mit der Liebe ist es mit der Zuneigung der Fans zu ihren Fußballern.

Gerade das Auseinandergehen ist schwer, jeder VfB-Fan weiß das zu sehr, vor allem wenn der heiß geliebte Spieler zum FC Bayern München geht. Aber warum ist es schlimmer, wenn der neue Verein Bayern München heißt und nicht Dortmund, Madrid oder Arsenal? Was hat der Rekordmeister den VfB-Fans getan? Diese Fragen stelle ich mir anläßlich des Tasci-Wechsels und deshalb schaue ich bei ein paar ausgewählten VfB-Spielern nochmal genauer hin.

Dieter Hoeneß:
Der „Schwabenpfeil“ konnte kaum geradeaus laufen, geschweige denn geradeaus schießen. Aber er köpfte so hart wie andere schossen und schonte sich beim VfB nicht. Nach 44 Toren in 105 Spielen wechselte er nach München. Das war mir reichlich egal. Lags am Namen „Hoeneß“? Kann sein, ich denke, es lag viel eher daran, dass er für mich ein kleines bisschen Horror-Show war. Mit der Figur und seinen technischen Einschränkungen schaute ich ihm eher so zu wie man einen Gruselfilm verfolgt. Immer bereit, die Hände vors Gesicht zu schlagen.

Giovane Elber:
Sein Charme, das Lausbubenhafte, das Strahlen in den Augen haben mich auf einen Schlag getroffen. Und ins Tor getroffen hat Elber oft, zweimal in seinen ersten zwei Spielen und da war es um mich geschehen. Als Teil des magischen Dreiecks war er eine Verheißung für die Zukunft. Dass er zu den Bayern wechselte, ließ etwas in mir zerbrechen. Ich hatte gehofft, mit ihm könne der VfB dauerhaft mit dem FCB konkurrieren.

Mario Gomez:
Eher eine Liebe auf den zwölften Blick. Als ich den Koloss das erste Mal über den Platz stolpern und Chancen verstolpern sah, glaubte ich nicht an eine große Zukunft. Doch wie er an sich arbeitete, beeindruckte mich. Bald liebte ich alles an ihm – außer seinem affektierten Torero-Jubel. Er machte alles richtig, er gab die richtigen Interviews („Maik Franz ist ein Arschloch“), nahm sich selbst nicht wichtig („Der Ball ist mir auf den Kopf gefallen“) und schoss mit jedem Körperteil ein Tor (Pimmel-Tor gegen eben jene Bayern). Mit ihm sah ich den VfB auf Augenhöhe mit dem FCB. Dass er ging, verzeihe ich ihm nie.

Joshua Kimmich:
Für Fredi Bobic – wie wir alle wissen, ein sehr erfolgreicher Manager und Mann mit riesiger Kompetenz – war er nicht gut genug für den VfB. Für Bayern schon. Ich hatte noch nicht einmal die Chance, Kimmich kennen zu lernen. Schade drum. Ich glaube, der gefällt mir; aus uns hätte was werden können.

Sven Ulreich:
Der Keeper aus der VfB-Jugend war vielen (auch mir) nicht mehr gut genug, aber für die Bank bei den Bayern reichts. Ich gönne ihm sein beschauliches Leben an der Säbener Straße. Zwischen uns war nicht mehr als große Sympathie.

Serdar Tasci:
Wie war ich stolz auf ihn, dessen Frisur am Anfang aussah wie bei einem Monchichi-Männle. „Der spielt immer“, sagte Armin Veh in van Gaal-Diktion und er war gut, egal ob als Innen- oder Außenverteidiger. Aber wir haben uns im Laufe der Jahre nach der Meisterschaft auseinander gelebt. Ich kannte seine Macken und sie strapazierten meine Nerven. Zum Schluss wollte er nicht mehr, der VfB wollte ihn nicht mehr. Und jetzt also zu den Bayern. Warum nicht? Aber eins weiss ich: Er wird niemals jubeln, wenn er ein Tor schießen sollte gegen den VfB. Ganz im Gegensatz zu Gomez.

Jürgen Klinsmann:
Schwer verliebt war ich als Jugendlicher in den Sonnyboy, der so anders war. Als er bei Inter Mailand seine große Flipper-Tour durch Europa begann, respektierte ich das. Sein späterer Wechsel nach München nötigte mir gerade mal ein Schulterzucken ab. So sollte ich es halten in Zukunft. Ein bisschen mehr Souveränität.

Sami Khedira:
Er hat mich stürmisch erobert, ich wäre für ihn sogar mit einem Glätteisen ins Stadion gegangen. Seinen Wechsel zu Real Madrid habe ich gefeiert, ein Transfer zu Bayern wäre schmerzhaft, aber nicht so sehr wie ein direkter Wechsel. Sind die Spieler mal weg, tut‘s nicht mehr so weh, auch wenn Khedira für immer ein VfB’ler bleibt.

Letztlich ist es wohl außer der verlorenen Liebe auch der Neid, der uns bei einem Bayern-Wechsel überreagieren läßt. Aber Neid belastet, denn wir machen das neue Glück des Spielers zu unserem Unglück.

Mal ehrlich: Sich in einen Neuzugang – ob von außen oder aus der Jugend – zu verlieben, ist auch was Schönes. Denn eine neue Liebe ist bekanntlich wie ein neues Leben.

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2 Kommentare

  1. Jonny Switlinski sagt

    Es ist natürlich immer schmerzhaft wenn man einen Leistungsträger verliert, egal an welche Mannschaft. Ich denke der Hass, der „Neu-Bayern-Spielern“ entgegengebracht wird ist teils absolut unbegründet. Jeder würde doch selbst seinen Ausbildungsbetrieb auch nach Jahren verlassen, wenn ein anderer Arbeitgeber mehr Geld bezahlen würde. So ist das eben auch im Fußball. Und das der FC Bayern nicht die „Krampen“ der Liga von den Vereinen wegkauft ist doch auch klar.

  2. @abiszet sagt

    Würde es hier die Funktion „Gefällt mir“ geben, so hätte ich sie an Deinen Kommentar geheftet, Jonny. Bei allem Verständnis gibt es aber natürlich immer auch die Emotion (ich nannte es theatralisch Liebe) und die widerspricht oft jeder Vernunft ;-)

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