Autor: @buzze

Abgezockt oder fahrlässig?

„Ich weiss nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.“ Was klingt wie eine potenzielle Zeile aus einem Cro-Song, ist in Wirklichkeit ein uraltes Zitat von Georg Christoph Lichtenberg, seines Zeichens Schriftsteller und der erste deutsche Professor für Experimentalphysik. Wir wissen nicht, ob auch Robin Dutt die erhellenden Worte des guten Lichtenbergs kennt, aber es hat ganz den Anschein, als ob er nach ihnen handeln würde. Neuer Trainer, neuer Keeper, neues System, neues Trikot und Transfers, die keiner auf dem Zettel hatte. Wer kennt den schon Tyton, Heise oder Insua? Ich denke, solche “Wundertütentransfers” wie Kollege abiszet sie nennt, sind der richtige Weg. Aber ich bin ja auch ein Fan des Lichtenberg-Zitats. Robin Dutt kärchert ordentlich durch und geht damit ein nicht zu unterschätzendes Risiko ein. Ist das noch höhere Transferphysik oder schon Gezocke? Denn nüchtern betrachtet wurde ein Team, das knapp dem Abstieg entronnen ist, auf keiner Position zwingend verbessert. Aber die vergangenen Saisons haben gezeigt, dass sich etwas ändern muss. Nicht nur …

From Russia with love!

Nicht erst das Engagement von Huub Stevens in Gelsenkirchen oder die Verpflichtung von Armin Veh bei Eintracht Frankfurt zeigen: Nur allzu gerne greifen die Verantwortlichen der Bundesliga auf bewährte Lösungen zurück. Das klappt mal hervorragend wie zum Beispiel Jupp Heynckes zweite Amtszeit bei den Bayern, mal mittelmäßig wie Christoph Daums Comeback in Köln oder die von Nuri Sahin und Shinji Kagawa in Dortmund, und manchmal auch gar nicht wie Teil Zwei der Liaison zwischen dem HSV und Rafael van der Vaart eindrucksvoll zeigte. In Stuttgart sitzen ebenfalls Spezialisten für so genannte Retrolösungen: Mit Veh und Stevens waren in der vergangenen Saison gleich zwei ehemalige Trainer für die verheerende Saison mit glimpflichen Ende verantwortlich. Und auch in der Vergangenheit verließ man sich gerne auf Bewährtes. Meist leider mit mäßigem Erfolg. Nur ungern erinnern wir uns Alexander Hleb, der in seiner zweiten VfB-Zeit nur noch ein Schatten seiner selbst war. Und dann gibt es da noch die Retrotransfers zweiter Klasse: Spieler, die in der Bundesliga funktionierten, dann durch einen Wechsel ins Ausland vom Radar verschwanden und anschließend von einem anderen Bundesligaverein …

Ich weiß, was ich letzten Sommer getan habe.

Ich werde nie vergessen, wo ich am 8. Juli 1990 war, als Edgardo Codesal Méndez das WM-Finale in Rom abpfiff: In einer Kneipe in Gilching, denn meine wenig fußballverrückten Eltern hatten bei der Urlaubsplanung die Weltmeisterschaft nicht berücksichtigt und wir befanden uns auf der Rückreise aus dem Sommerurlaub, den wir am Balaton in Ungarn verbracht hatten. Ich weiß auch, wo ich am 30. Juni 1996 war, als Petr Kouba den harmlosen Kopfball von Oliver Bierhoff in Tor trudeln ließ: Angetrunken im heimischen Wohnzimmer mit einem Haufen noch stärker angetrunkener Austausch-Schüler aus Utah, die ihre temporäre Volljährigkeit in Deutschland ein letztes Mal genossen, bevor sie am nächsten Morgen völlig verkatert wieder Richtung Salt Lake City flogen. Und natürlich weiß ich, wo ich am 13. Juli des vergangenen Jahres war, als André Schürrle von links flankte und Mario “Ausgerechnet” Götze den Ball ins argentinische Tor spitzelte: In einem großen Wohnzimmer mit vielen Menschen, von denen ich nur die Hälfte kannte und Kindern, die in der Halbzeitpause im Regen barfuß draußen kickten und dabei auf Nacktschnecken traten. Erstaunlicherweise kann ich …

Das dynamische Duo

Niemand weiß genau, wann Huub Stevens sich vom “Knurrer aus Kerkrade” in eine niederländische Frohnatur verwandelt hat. Doch wie schon bei seinem ersten Engagement am Neckar heißt sein Credo im Abstiegskampf auch in dieser Saison (nach Stotterstart) : Wir geben Gas, wir haben Spaß. Aber über Humor kann man ja bekanntlich trefflich streiten und die Vermutung liegt nahe, dass nicht alle Spieler die Spaßoffensive des Trainers lustig finden. Vor allem Vedad Ibisevic und Moritz Leitner wird nachgesagt, seit einiger Zeit zum Lachen in die Katakomben zu gehen. Doch wie schafft es Huub Stevens trotz der nach wie vor prekären sportlichen Lage stets für gute Laune zu sorgen? Da sind natürlich zum einen seine bewährten Geheimwaffen: Der niederländische Akzent, das schelmische Lächeln und die Tatsache, dass seine Antworten auch auf offen gestellte Fragen zuerst mit einem langgezogenen “Nein” beginnen, brechen sofort jedes Eis. Doch das kann nicht alles sein. Und richtig: Seine volle Wirkung kann der huubsche Hurmor erst durch seinen genialen Sidekick entfachen. Denn Sportdirektor Dutt wirkt in den vergangenen Wochen so sehr fokussiert auf …

Der schwäbische Patient

Alles Kopfsache?

Es ist doch erstaunlich: Während der VfB Stuttgart selbst dringend auf jede erstligaverlängernde Maßnahme angewiesen ist, spielt das Team immer wieder den Psychotherapeuten für schwächelnde Gegner. Ja, hinterher ist man immer schlauer. Aber trotzdem: Es war uns doch allen klar, dass Jan-Klaas Huntelaar gegen den VfB Stuttgart trifft und damit seine Torflaute beendet, die immerhin schlanke 12 Spiele andauerte. Doch warum sind die Stuttgarter immer wieder die Selbsthilfegruppe für psychisch angeknackste Spieler und Mannschaften? André Schürrle macht sein lang erwartetes erstes Saisontor: gegen den VfB. Nils Petersen trifft zum ersten Mal seit langem – und dann gleich doppelt: gegen den VfB. Und am Samstag wird nach Huntelaar auch noch dem Problem-Prince Kevin Boateng zum Torerfolg gezwungen: vom VfB. Diagnose: Akuter Misserfolg. So wie diese Saison bisher läuft wird uns #okasaki nächstes WE in die 2. Liga schießen #vfb #vfbm05 — VfB (@8zehn3und9zig) May 3, 2015 Es läuft nicht. Überhaupt nicht. Mittlerweile scheint es so zu sein, dass niemand mehr wirklich an den Klassenerhalt glaubt. Viele Fans schon lange nicht mehr und die Spieler anscheinend auch nicht länger. …

Die hippste Mannschaft Deutschlands

Graue Maus, Fahrstuhlmannschaft, Stadt, die es nicht gibt. Das war Arminia Bielefelds Definition bis vor einem Jahr. Dann kam das Spiel des Jahres: Der Zweitliga-Abstiegskampfkrimi in Dresden. Die Bielefelder gewannen unter dramatischen Umständen, erreichten die Relegation gegen Darmstadt, gewannen das Hinspiel am Böllenfalltor souverän, um im nächsten Spiel des Jahres in letzter Sekunde doch noch abzusteigen. Und heute? Sind sie souveräner Tabellenführer in der dritten Liga, haben mit Fabian Klos den besten Stürmer der Liga im Team, schießen Tore des Monats und werden nach ihrem Halbfinal-Aus gegen Wolfsburg von ganz Fußballdeutschland gefeiert. Ist die Alm auf einmal die Anfield Road Deutschlands? Laufen die Großstadt-Hipster in Zukunft nicht mehr mit St. Pauli Hoodie durch die City, sondern im RUN DSC Shirt und mit tätowiertem Lohmann auf dem Oberarm? Ist das geil. Wolfsburg macht das 0:4 und SOFORT steht die ganze Alm und feiert ihre Arminia! Das könnt ihr niemals kaufen, Wölfe! #DSCWOB — Sebastian Zobel (@zwitscheridooo) 29. April 2015 In Zeiten, in denen vielen Fans der Fußball zu kommerziell, zu stromlinienförmig geworden ist, und in denen sich die zweiten Mannschaften vieler Bundesligisten …

Khediras Signale gehen ins Leere*

Stuttgart im Aufruhr. Facebookgruppen werden gegründet, Petitionen gestartet. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die ersten Demos auf dem Schlossplatz stattfinden und die Daimler-Arbeiter aus Protest streiken. Wutbürger war gestern, jetzt sind die Protest-Fans am Zug. Der Grund für das alles: Trainertalent Thomas Tuchel will zum VfB Stuttgart. Aber dort will man ihn nicht. So schreibt es zumindest Marko Schumacher in der Stuttgarter Zeitung. Während in Stuttgart also die Fanseele kocht und man im Pressehaus mit einem Piccolöchen auf das bundesweite Medienecho anstößt, übersieht man eine viel entscheidendere Personalie. Denn, mal ehrlich: Was hat Thomas Tuchel denn schon geleistet? Okay, er isst mit Pep Guardiola zu Mittag und war quasi der Dieter Bohlen der Bruchweg Boys. Was ist aus denen eigentlich geworden? Ach ja: Schürrle spielt nicht in Wolfsburg, Szalai nicht in Hoffenheim und Holtby nicht in Hamburg. Wir hingegen reden über einen Mann, der nicht nur deutscher und spanischer Meister war, sondern auch amtierender Weltmeister ist: Wir reden von Sami Khedira, der im Sommer ablösefrei zu haben ist. Unverständlich also, dass …

Jubelnde Fans

18 Gründe, warum der VfB die Klasse hält

Jeder VfB-Fan sucht derzeit verzweifelt nach Gründen, warum der Verein die Klasse hält. Das Wetter wird besser, die Temperaturen steigen – gibts irgendeine Statistik, die besagt, dass das Team von Huub Stevens bei solchen klimatischen Bedingungen immer gewinnt? Manche kramen in den alten Schulheften und hoffen, dass es in der Wahrscheinlichkeitsrechnung Hinweise gibt, dass die sieglose Serie jetzt endlich gegen Frankfurt endet. Wir haben auch nach Gründen gesucht, 1893 sind es nicht geworden. Aber immerhin 18, auch ein paar nicht ganz ernsthaft gemeinte sind dabei. Aber sie sind schnell erzählt, in handgestoppten 93 Sekunden. Los gehts! Weil Robin Dutt weiss, wie Abstiegskampf geht (und es schon 2x geschafft hat) Weil niemand erfahrener ist als Huub Stevens, der schon alles gesehen hat Weil es noch andere Vollhonks gibt, die absteigen wollen @abiszet ja gott sei dank gibt es noch drei, vier mitdeppen looser — Kessel.TV (@kesseltv) March 16, 2015 Weil der Spielpan für den VfB spricht Weil die anderen Vereine den VfB unterschätzen Weil Vedad Ibisevic sich endlich daran erinnert, dass er hauptberuflich Torjäger ist Weil Toni …

Gazi Stadion auf der Waldau

Sehnsucht: Liga zwei

Es gibt bekanntlich nicht viel, was die Fans der “Roten” und der “Blauen” eint. Doch aktuell könnte man meinen, dass beide Fanlager hoffen, ihre Farben in der kommenden Saison in Liga Zwo spielen zu sehen. Höchste Zeit also, dahin zu gehen, wo es weh tut und wo Fußball noch Wadenkrampf und Bluterguss ist und kein Selfie-Scheiß im Mannschaftsbus. Die Rede ist von der Drittliga-Partie der Stuttgarter Kickers gegen Arminia Bielefeld. Als Kind der A2, aufgewachsen zwischen den Abfahrten Ostwestfalen/Lippe, Bad Salzuflen und Herford Ost, bin ich natürlich Arminia-Fan. Das Schöne daran: Es wird nie langweilig. Vier Ligen und Gegner vom DSC Wanne-Eickel bis Bayern München bieten ein breites Spektrum der Unterhaltung. Als ich zu Zweitligazeiten studierte, konnte ich mir gleich nach der Vorlesung noch schnell das Montagsspiel auf der Alm angucken und musste nicht mal das Auto umparken. Ich erinnere mich gut an das damalige Zweitliga-Spitzenspiel gegen TB Berlin mit Hermann Gerland als Trainer. Ging damals übrigens 3:1 aus. Berlin traf bereits früh, aber Tore von Rydlewicz und Labbadia (Doppelpack!) drehten die Partie. Das Team von Thomas von Heesen war …

Serey Dié: Einer wie Mark van Bommel

Ottmar Hitzfeld hat im Laufe seines Trainerlebens viel Interessantes gesagt: Er erfand den „Profffi“, meinte “Fußball ist kalkulierbar, ich weiß, was machbar ist und was nicht“, blendete Emotionen aus (“Ich habe mir angewöhnt, keine Gefühle zu zeigen“) und und sein Erfolgsgeheimnis bei Bayern war, dass er auf einen „Aggressive Leader“ setzte. Das war Mark van Bommel, der eigentlich von niemandem geliebt wurde. Von den Mitspielern nicht, die täglich mit ihm trainieren mussten. Von den Gegenspielern nicht, die ihm wegen seiner Sensen und Ellbogenchecks aus dem Weg gingen. Und von den Schiris nicht, die sich vor seiner wütenden Meckerei fürchteten. Wenn er mit weit aufgerissenen Augen auf die Schiedsrichter zustürmte, flüchteten die meistens vor ihm und verschluckten die Pfeife. Kurz: van Bommel machte all die Dinge, die sich andere nicht trauten. Er war sicher auch derjenige, der im Schulhof ordentlich Prügel austeilte. Die brave Mannschaft des VfB könnte so einen ganz gut gebrauchen. Einen, der mal Zeichen setzt. Auch Vedad Ibisevic kann Zeichen setzen, aber er macht das äußerst unklug und lässt sich dabei auch noch …