Alle Artikel in: Mini-Feature

Die Null steht (Teil 5)

Ok, sagen wir mal ganz offen, wie es ist: Alexander Zorniger ist schuld. Sein System ist schuld, dass Schalkes Keeper Ralf Fährmann eine Weltklasse-Leistung zeigt. Zorniger ist schuld, dass Martin Harnik aus drei Metern übers Tor schießt. Zorniger ist schuld, dass Daniel Ginczek aus sechs Metern Fährmann ins Gesicht schießt. Zorniger ist schuld, dass Christian Gentner zweimal aufs kurze Ecke zielt. Zorniger ist schuld, dass sich Florian Klein im Zweikampf extrem dümmlich anstellt. Zorniger ist schuld, dass Ginczek ein Ball über den Schlappen rutscht, den er letzte Saison blind reingemacht hätte. Zorniger ist schuld, dass der schlechteste Schalker – Leroy Sané – das entscheidende Tor schießt. Robin Dutt ist schuld, dass Pommes Tyton nicht Manuel Neuer ist. Und Präsident Bernd Wahler, der ist sowieso schuld. Irgendeinen Grund werden wir dafür schon finden. Und dann stellt sich auch noch Schalkes Coach André Breitenreiter hin und sagt, dass die Knappen das Spiel völlig unverdient gewonnen hätten. Ja, was soll das denn? Will der die VfB-Fans ärgern, hätte er sich nicht mal so richtig hämisch freuen können, zusammen …

Die Null steht (Teil 4)

Null Siege. Null Punkte. Null Selbstvertrauen. Null Konsequenz. Null Mut. Null Bock auf eine weitere Saison im Abstiegskampf. Mich wundert, dass der Kick nicht ein Auswärtsspiel für die Hertha war, sollen doch so viele Schwaben die Hauptstadt unsicher machen. Aber im Stadion waren dann nur die mitgereisten Fans, die anderen Stuggi-Hipster saßen wohl bei Craft Beer und Chai Latte in irgendeinem hochangesagten Stadtteil und machten … ja was? Sie saßen und schwäbelten und treiben damit die Mietpreise nach oben, finden die Berliner, allein durch ihre Anwesenheit. Schon toll, wie das die Schwaben können, die ja bekanntlich alles können. Nur ein Bundesligaspiel gewinnen, das können sie nicht. Auch wenn das Auftaktprogramm mit Köln und Hertha zwei vermeintliche Angstgegner beinhaltete, und Frankfurt und Hamburg keine Kirmestruppen sind, null Punkte gegen diese biederen Teams sind recht überschaubar. Einige VfB-Fans bekamen letzte Woche Schnappatmung: „Ich war an Pizarro dran“, blubberte Bobic in irgendein Mikro, aber in der Bundesliga käme neben den Bayern nur Werder Bremen für den Stammgast im Münchener H’ugo’s in Frage. Es war jedenfalls kurz davor, dass …

Bauch rein, Brustring raus!

Nachdem Robin Dutt sich beharrlich einem Kostic-Transfer verweigerte, wandte sich Schalke 04 offensichtlich dem VfB-Finanzvorstand zu. Der müsse doch offene Ohren haben für ein 25+x Millionen-Angebot für den Serben. Horst Heldt sollte es ja wissen, lange genug musste er sich in Stuttgart mit dem Finanz-Klüngel rumschlagen. Aber fürs Geld ist nicht mehr Ulrich Ruf verantwortlich, sondern Stefan Heim. Und auch der blieb hart, durchgehend geschlossene Reihen also beim VfB (siehe Text hier in der Süddeutschen Zeitung), nicht nur ein durchgehender Brustring. Aber Heim trauert den entgangenen Millionen hinterher und fordert Kompensation. Wie, das sei egal. Wie wäre es mit ein bisschen Kreativität? Im aktuellen Vereinsblättle „Dunkelrot“ gibts so allerlei Merchandising, aber ausser dem “Polo Third” im Ausweichtrikot-Look haut mir so gar nichts mein Craft Beer aus der Hand. Wird Zeit, das ein bisschen aufzubohren. Was man so hört, ist die Mercedes Bank beim Sponsoring auch so a bissle knausrig und da bietet sich eigentlich eine Merchandising-Serie mit spendablen Stuttgarter Residents an. Credibile Institutionen, die mit eigenen Trikotserien die Kasse ein bisschen aufbessern, damit Robin Dutt …

Unsere große Bundesliga-Vorschau

Ulreich steht überraschend im Bayern-Tor, Daniel & Daniel schaffen es in die Nationalmannschaft, Volksmusik im „Aktuellen Sportstudio” und es fällt das erste Bart-Tor in der Bundesliga-Geschichte. Ein paar tollkühne Prognosen zur neuen Saison. 1. Spieltag Pep Guardiola überrascht vor dem ersten Spieltag mit der Aussage: „Abklatschen lassen is’ super-super!“ und entdeckt in den Fangproblemen des neu verpflichteten Sven Ulreich eine besondere Qualität. In dem der Ex-Stuttgarter die Bälle nach vorne abprallen lässt, mache er das Spiel der Bayern schneller, so der spanische Meistertrainer. Deshalb steht überraschend Ulreich statt Manuel Neuer zum Saisonstart im Tor. Aber Ulreich und Abwehr sind noch nicht eingespielt und der HSV geht nach einem Abpraller Ulreichs durch Sven Schipplock in Führung. Bayern schießt in der Folge 54x aufs Tor, aber sowohl ein Elfmeter als auch zwei reguläre Tore werden nicht gegeben. Alle sprechen bereits vom HSV-Dusel bis Joshua Kimmich in der 92. und Douglas Costa in der 97. Minute das Spiel drehen. Das Spiel des VfB ist so wild wie von Trainer Zorniger angekündigt. Das chronisch abschlussschwache Köln trifft zweimal in …

Abgezockt oder fahrlässig?

„Ich weiss nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.“ Was klingt wie eine potenzielle Zeile aus einem Cro-Song, ist in Wirklichkeit ein uraltes Zitat von Georg Christoph Lichtenberg, seines Zeichens Schriftsteller und der erste deutsche Professor für Experimentalphysik. Wir wissen nicht, ob auch Robin Dutt die erhellenden Worte des guten Lichtenbergs kennt, aber es hat ganz den Anschein, als ob er nach ihnen handeln würde. Neuer Trainer, neuer Keeper, neues System, neues Trikot und Transfers, die keiner auf dem Zettel hatte. Wer kennt den schon Tyton, Heise oder Insua? Ich denke, solche “Wundertütentransfers” wie Kollege abiszet sie nennt, sind der richtige Weg. Aber ich bin ja auch ein Fan des Lichtenberg-Zitats. Robin Dutt kärchert ordentlich durch und geht damit ein nicht zu unterschätzendes Risiko ein. Ist das noch höhere Transferphysik oder schon Gezocke? Denn nüchtern betrachtet wurde ein Team, das knapp dem Abstieg entronnen ist, auf keiner Position zwingend verbessert. Aber die vergangenen Saisons haben gezeigt, dass sich etwas ändern muss. Nicht nur …

Das System ist der Star!

Wahrscheinlich gehöre ich zu den ein, zwei Deutschen, die Berti Vogts gut finden. Das liegt wohl auch mit daran, dass meine Eltern mir ein Buch über ihn geschenkt haben als ich so sieben oder acht Jahre alt war und fiktive Fussballreportagen schrieb, in denen er hinten rechts gegen Kevin Keegan verteidigte, aber gegen den VfB immer unglücklich verlor. Es war mehr ein Bildband, Berti am Strand, Berti mit Schlaghosen, Berti grätschend auf überflutetem Rasen, Berti mit Günter Netzer, dazu ein einfühlsamer Text von Hans Blickensdörfer, der die Rolle von Hennes Weisweiler als Ersatzvater beleuchtet. Viel später schrieb Stefan Raab auf dem Rücken von Berti einen Top-10-Hit (“Böörti Böörti Vogts”) und Vogts hatte einen Tatort-Kurzauftritt, wo er in 30 Sekunden eine Familie vor dem sicheren Tod durch eine Gasexplosion rettet. Neben seinem kulturellen Wirken ist er auch als Fussball-Philosoph in Erscheinung getreten, obwohl manche meinen, er hätte viel eher das Genre des Comedians begründet und somit überhaupt die Karriere von Mario Barth erst ermöglicht. Vogts sagte “Sex vor einem Spiel? Das können meine Jungs halten, wie …

Was kann Alex Zorniger außer schwäbisch?

Das neue VfB-Trikot ist der Burner, der Trainer scheint ein Fuchs zu sein und erste Tests liefen verheißungsvoll. Aber es ist Zeit, die Euphorie-Bremse zu ziehen! Diese Woche saßen Vertikalpass-Kollege Sebastian und ich beim Mittagessen und spielten unser Spiel. Es ist so etwas wie das Quiz, das Trainer Baade regelmäßig drüben auf Twitter veranstaltet (unbedingt @trainerbaade folgen!), nur nicht so gut wie seins. Meistens stellt mir Sebastian Fragen wie “Wie heißen die vier Spieler, die Franz Beckenbauer vor der WM 1990 aussortiert hat?” oder fordert “Nenne mir acht Trainerstationen von Peter Neururer” oder er zeigt mir alte Mannschaftsbilder aus den 70ern und ich muss 11 von 22 Spielern erkennen. Wenn ich es nicht schaffe, dann muss ich manchmal einen Text schreiben. Also, diese Woche saß Sebastian mit Hot Pants und Flip-Flops und mir beim Mittagessen und nach nur einer Frage wechselte Sebastian das Thema und sagte: “Ich bin ja immer am Anfang der Saison euphorisch. Trainer, Neuzugänge und dann noch das neue Trikot – Weltklasse!”. Dabei lachte er. Etwas, was im Zusammenhang mit dem VfB …

From Russia with love!

Nicht erst das Engagement von Huub Stevens in Gelsenkirchen oder die Verpflichtung von Armin Veh bei Eintracht Frankfurt zeigen: Nur allzu gerne greifen die Verantwortlichen der Bundesliga auf bewährte Lösungen zurück. Das klappt mal hervorragend wie zum Beispiel Jupp Heynckes zweite Amtszeit bei den Bayern, mal mittelmäßig wie Christoph Daums Comeback in Köln oder die von Nuri Sahin und Shinji Kagawa in Dortmund, und manchmal auch gar nicht wie Teil Zwei der Liaison zwischen dem HSV und Rafael van der Vaart eindrucksvoll zeigte. In Stuttgart sitzen ebenfalls Spezialisten für so genannte Retrolösungen: Mit Veh und Stevens waren in der vergangenen Saison gleich zwei ehemalige Trainer für die verheerende Saison mit glimpflichen Ende verantwortlich. Und auch in der Vergangenheit verließ man sich gerne auf Bewährtes. Meist leider mit mäßigem Erfolg. Nur ungern erinnern wir uns Alexander Hleb, der in seiner zweiten VfB-Zeit nur noch ein Schatten seiner selbst war. Und dann gibt es da noch die Retrotransfers zweiter Klasse: Spieler, die in der Bundesliga funktionierten, dann durch einen Wechsel ins Ausland vom Radar verschwanden und anschließend von einem anderen Bundesligaverein …

Troy, so vereins-troy!

Let’s talk about Vereinstreue: In Stuttgart ist man troy, so troy: Die Fantastischen Vier findet man in deren Rentenalter noch ganz ok und man geht auch noch mit über 40 in den Perkins Park und die Boa. “Bisch oimol beim Doimler, haschs g’schafft“, hat mein Vater mir mal vor langer, langer Zeit gesagt und heute verstehe ich ihn: 13 und mehr Monatsgehälter, Urlaub hat man in Möhringen und Untertürkheim auch nicht wenig, überraschende Prämien, weil es dem Daimler gut geht, 35-Stunden-Woche, Konfirmationsgeld und immer den neusten Karren vor dem Haus. Warum soll man da weggehen? Komfortabel war es lange Jahre beim VfB, wenn man alles so glaubt, was man zum Thema Leistungskultur, Jahresgehälter und Wohlfühl-Atmosphäre beim Verein so liest. Die Vereinstreue finden die Stuttgarter Fans bei Spielern wie Koka Rausch, Vedad Ibisevic, Adam Hlousek nicht so prall, obwohl sich diese Spieler außer durchaus diskutablen Leistungen nichts zu Schulden kommen ließen. Nicht mal zu schnell gefahren sind sie. Bei einem Verein zu bleiben, hat aber nicht immer nur finanzielle Gründe. Wie beim Doimler auch. Einmal Daimler, immer …

Ich weiß, was ich letzten Sommer getan habe.

Ich werde nie vergessen, wo ich am 8. Juli 1990 war, als Edgardo Codesal Méndez das WM-Finale in Rom abpfiff: In einer Kneipe in Gilching, denn meine wenig fußballverrückten Eltern hatten bei der Urlaubsplanung die Weltmeisterschaft nicht berücksichtigt und wir befanden uns auf der Rückreise aus dem Sommerurlaub, den wir am Balaton in Ungarn verbracht hatten. Ich weiß auch, wo ich am 30. Juni 1996 war, als Petr Kouba den harmlosen Kopfball von Oliver Bierhoff in Tor trudeln ließ: Angetrunken im heimischen Wohnzimmer mit einem Haufen noch stärker angetrunkener Austausch-Schüler aus Utah, die ihre temporäre Volljährigkeit in Deutschland ein letztes Mal genossen, bevor sie am nächsten Morgen völlig verkatert wieder Richtung Salt Lake City flogen. Und natürlich weiß ich, wo ich am 13. Juli des vergangenen Jahres war, als André Schürrle von links flankte und Mario “Ausgerechnet” Götze den Ball ins argentinische Tor spitzelte: In einem großen Wohnzimmer mit vielen Menschen, von denen ich nur die Hälfte kannte und Kindern, die in der Halbzeitpause im Regen barfuß draußen kickten und dabei auf Nacktschnecken traten. Erstaunlicherweise kann ich …