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Warum regt ihr euch eigentlich auf?

Ich verstehe gar nicht, warum ihr Euch so aufregt, dass die Saison ab 15. Mai unter besonderen Bedingungen mit allen Mitteln zu Ende gespielt werden soll. Was habt ihr erwartet von einem Business, dass seine eigene „Kundschaft“ wahlweise als „hässliche Fratze des Fußballs“, als „Krakeeler“, als „Totengräber des Fußballs“, als „Ewiggestrige” oder als „hirnlose Idioten“ bezeichnet? Was habt ihr von einem Geschäftsbereich erwartet, in dem mitten in der Corona-Krise über Millionentransfers schwadroniert und der Vertrag von Thomas Müller ungeniert verlängert wird – selbstverständlich zu einem Jahressalär im deutlich zweistelligen Millionenbereich – aber gleichzeitig BVB-Boss Joachim Watzke den Untergang des deutschen Fußballs prognostiziert, wenn die Saison nicht zu Ende gespielt wird? Was habt ihr von einer Branche erwartet, die glaubt, systemrelevant zu sein. Nur, weil ihre Akteure und Profiteure von einem Millionenpublikum bejubelt werden und sich deshalb für unantastbar und unersetzlich halten? Was habt ihr von Leuten erwartet, die anscheinend völlig die Bodenhaftung verloren haben, die Werte nur kennen als Zahlen auf ihrem Bankkonto und Moral nur einfordern, wenn der eigene Club in einem Spiel scheinbar …

Fußball 21

Mai 2021, Karlheinz Rummenigge lächelt: das neunte Mal Meister in Folge. Seine Spieler toben wie Kinder übers Spielfeld und übergießen sich vor leeren Rängen mit lauwarmem Weißbier. Er hatte es ja immer gesagt: “The show must go on.” Und was ist schon eine Pandemie gegen den FC Bayern München? Wer hätte außerdem gedacht, dass die “Geisterspiele” sogar einen angenehmen Nebeneffekt haben würden? Ohne die lästigen aktive Fan-Szenen, die sich sozial engagieren und der bigotten Fußballszene den Spiegel vorhalten, war endlich alles so, wie es sich die Funktionäre wünschten. Und Zuschauereinnahmen sind für Bayern München wirklich nicht entscheidend. Durch die Geisterspiele und Distanz zu den Fans waren sogar die Merchandising-Einnahmen gewachsen. Auch „Mister Sportstudio“, der ewig nette Dieter Kürten, war begeistert: „So gefällt mir der Fußball besser, ohne diesen Fanatismus und die Anfeindungen von der Tribüne!“ Rummenigge machte ihn sofort zum Ehrenmitglied des FC Bayern. Anderen ging es allerdings nicht so gut blendend wie dem Rekordmeister: Der FC Augsburg und Werder Bremen mussten während der “Corona-Saison” den Spielbetrieb aufgrund finanzieller Schwierigkeiten beenden. Solidarität unter den Bundesliga-Clubs? …

Der Rumpel-Russe: Pavel Pogrebnyak

Wir schreiben den Sommer 2009: Mario Gomez ist für die Rekordsumme von ca. 30 Millionen nach München gewechselt und im VfB-Angriff klafft ein riesige Lücke. Manager Horst Heldt muss einen Stürmer ersetzen, der in 121 Spielen 63 Mal getroffen hatte. Und so begann es. Stuttgart suchte den Stürmerstar. Eine erste heiße Spur führte nach Sinsheim, wo der Aufsteiger als Herbstmeister für Furore gesorgt hatte. Allen voran Demba Ba. Dass er bei den Stuttgarter Verantwortlichen ganz oben auf dem Zettel stand, war kein Wunder. Beim 3:3 der Hoffenheimer in Stuttgart hatte Gomez zwar doppelt getroffen, der Franko-Senegalese aber gleich dreimal. Wochenlang wurde verhandelt, spekuliert, gestreikt (Demba Ba wollte nicht mit ins Trainingslager der Hoffenheimer reisen). Und als sich Demba Ba, Horst Heldt und die Verantwortlichen von Hoffenheim – Jan Schindelmeiser und Ralf Rangnick – endlich einig waren, scheiterte der 16-Millionen-Transfer doch noch: Demba Ba war im Mai ein 41 Zentimeter langer Titannagel aus dem linken Schienbein entfernt worden, der nach einem Beinbruch zwei Jahre zuvor eingesetzt werden musste. Die Heilung nach der OP verlief nicht wie …

Der Spieler, der aus der Kälte kam: Eyjölfur Sverrisson

Das “ö” hatte es mir angetan. Wer ein ö im Vornamen hat, der muss rocken, so ähnlich wie Motörhead, dachte ich mir. Ich hatte gelesen, dass der VfB in der Winterpause 1989/1990 Eyjölfur Sverrisson (über die Schreibweise seines Vornamens existieren im Internet etwa drölf Versionen, ich mag die mit ö) verpflichtete. Nicht nur das ö weckte bei mir große Erwartungen, sondern auch sein isländischer Landsmann Asgeir Sigurvinsson. Der trug die Haare wie Johan Cruyff, hatte die Socken herunter gerollt wie Socrates und besaß den Blick für den freien Raum wie Bernd Schuster. Am 21. April 1990 siegte der VfB 3:1 zu Hause gegen Werder Bremen und Sverrisson feierte sein Bundesligadebüt. Sein erstes Tor schoss Jolly, wie er bald ohne mein ö zu meiner großen Enttäuschung genannt wurde, zwei Spieltage später, als er beim 4:0 Heimerfolg gegen Nürnberg in der 53. Minute eingewechselt wurde. Das Line-up des VfB sah so aus: Eike Immel – Guido Buchwald, Michael Frontzeck, Günther Schäfer – Karl Allgöwer, Maurizio Gaudino, Jürgen Hartmann, Manfred Schnalke, Ásgeir Sigurvinsson – Peter Rasmussen, Fritz Walter. …

Das Teilzeitgenie: Cristian Molinaro

Ich liebe Italien, mit Ausnahme von Gianna Nannini und Eros Ramazzotti. Prosecco, Grappa, die Küche, Brunetti, Alfa Romeo. Das liegt nicht nur daran, dass ich über viele Jahre jeden Sommer in Terracina verbrachte, einem kleinen Ort rund 100 Kilometer südlich von Rom. In einem Strandhaus, in dem irgendwann mal Curd Jürgens, Uschi Glas und Helmut Dietl feierten, jedenfalls hingen Bilder davon an der Wand. Mit meinem Freund Phulp trank ich dort ab Nachmittag Bier aus diesen kleinen Flaschen von Peroni und dazu spielten wir Ping-Pong. Einmal schafften wir 200 Ballwechsel, ohne dass der Ball auf den Boden fiel und tranken nebenher jeder zwei Nastro Azzurro. Am Abend aßen wir riesige Pizzen, Pasta mit unfassbar viel Knoblauch und konnten uns meist nicht entscheiden, welchen Prosecco wir trinken sollten. Wir entschieden überwiegend nach dem Preis. In San Felice, einem Nachbarort Terracinas, erfragten wir den Preis von 3 Marken und bekamen die Antwort „Otto! Otto! Otto!“, während der Cameriere auf die drei verschiedenen Flaschenetiketten zeigte. Wir nahmen den für acht Euro. Weit vor den Sommern in Terracina entwickelte …

Der Bodenständige: Silvio Meißner

Otto Baric und Bernd Förster haben wir euch schon ins Nest gelegt. Heute steigen wir in die Zeitmaschine und jetten zwei Jahrzehnte in die Zukunft, die aber auch schon wieder zwanzig Jahre in der Vergangenheit liegt. Aber egal! Reden wir über das Jahr 1999. Reden wir über Silvio Meißner. Und das nicht (nur), weil der ehemalige defensive Mittelfeldspieler des VfB Stuttgart aktuell in aller Munde ist. Kein Wunder, schließlich geht er einen ganz anderen Weg als viele seiner ehemaligen Kollegen: Meißner ist und beschäftigt mittlerweile “Alltagshelfer”: Menschen, die anderen Menschen helfen. Die Einkäufe erledigen, im Haushalt helfen, und schlicht und ergreifend andere im Alltag begleiten. Und das nicht erst seit der “Corona-Krise”. Geboren im Jahr 1973 in Halle an der Saale war Meißner ein so called “Kind der DDR”. Über den FC Halle landete er beim Chemnitzer FC und nach drei guten Spielzeiten in der zweiten Liga wechselte er 1996 schließlich zu Arminia Bielefeld. Und hier komme ich ins Spiel – irgendwie jedenfalls. Denn im Gegensatz zu @abiszet habe ich meine Jugend nicht im VfB-Umfeld …

Der Schattenmann: Bernd Förster

Brüder, die beim VfB aktiv waren? Die Schmäler-Zwillinge, klar! Die Allgöwers, Karl und Ralf, sie standen gleichzeitig auf dem Platz für die Profimannschaft beim VfB. Dann die Khediras, die Yakins, die allerdings nie gemeinsam aufliefen. Was ist mit den Caliguris? Den Vlachodimos’? Und zählen die Hlebs? Das berühmteste und erfolgreichste Brüderpaar beim VfB war allerdings Bernd und Karlheinz Förster. Wobei der große Bruder Bernd immer im Schatten des jüngeren Karlheinz stand, von „Le Kaiser“, dem Treter mit dem Engelsgesicht. Einen gemeinsamen EM-Titel errangen sie 1980 mit der Nationalmannschaft. Die beiden Schwarzacher sind sowieso erst das zweite Bruderpaar neben 54er-Weltmeistern Fritz und Ottmar Walter, das gemeinsam einen Titel mit der Nationalmannschaft holte. Bernd und Karlheinz haben gemeinsam sogar die meisten Länderspiele aller Brüderpaare ever auf dem Konto. Beim Suchen nach einem Bild für diesen Text habe ich völlig die Zeit vergessen. Bernd mit Franz Beckenbauer. Bernd mit Gerd Müller. Bernd mit Jupp Derwall. Bernd mit Bernd Schuster. Bernd mit Paul Breitner. Bernd mit Felix Magath. Bernd mit Calle del Haye. Bernd mit Walter Kelsch, mit Bernd …

Mir fehlt etwas

Mir fehlt sogar ganz viel. Ausgelassen zu sein, gedankenlos zu sein. Freiheit. Die Freiheit machen zu können, was ich will. Liebe Leute zu treffen, die Unbeschwertheit, in der Sonne in einem Cafe zu sitzen und Leute zu beobachten, eine spontane Umarmung oder einfach meine Mutter zu sehen. Im Augenblick werden bei mir Dinge ganz laut, die bisher leise waren. Es sind Sorgen, die sonst verdrängt werden von scheinbar dringenden, aber meist banalen Problemen. Die Banalität ist gewichen der Sorge um die Gesundheit von Freunden und Familie und einem selbst. Die Sorge um die eigene berufliche Zukunft, die Unsicherheit der nahen und fernen Zukunft, ich fühle mich im Existenzkampfmodus. Und wo bekomme ich das nächste Klopapier her, verdammt? Ich lerne den alten Alltag schätzen, denn der ließ es kaum zu, über diese Dinge nachzudenken. Routinen bestimmten bisher meinen Tag, es ging ums Funktionieren und am Ende des Tages um Ablenkung von den schweren und komplizierten Dingen und dazu gehörte auch der VfB. Als kleine Erinnerung an den bisherigen Tagesablauf fange ich meinen Bürotag im Homeoffice mit …

“Ich bin alleine. Ich bin total alleine.“

Das sagte vor wenigen Tagen Antonio Rüdiger, der 26 Jahre alte Innenverteidiger des FC Chelsea nach einer Begegnung gegen Tottenham Hotspur und öffnete eine Tür zu seinem Seelenleben. Der Nationalspieler und ehemalige VfB-Verteidiger sieht sich fortwährend rassistischen Beleidigungen ausgesetzt. Einer Gruppe englischer Journalisten sagte er: „Ich möchte niemanden beleidigen, aber ihr werdet nie verstehen, was mir oder anderen schwarzen Spielern in diesem Moment durch den Kopf geht. Ich bin alleine. Ich bin total alleine.“ Dietmar Hopp war nicht alleine, als er in Hoffenheim das „Hurensohn-Banner“ sehen musste. Im Gegenteil: es solidarisierten sich fast alle mit ihm: Die eigene und die gegnerische Mannschaft, die Verantwortlichen des FC Bayern, Sky, die Sportschau, der DFB-Präsident, der Kicker, die Polizei, Mario Basler, alle. Ein Verhalten, das man sich auch bei anderen Vergehen wünschen würde. An der #Hopp Debatte erkennst genau die Systemmedien des #Fußballs. Diejenigen, die nur davon leben #Dopa #kicker #sky #sportbild, folgen dem Mammon und reiten die Empörungswelle. Die Anderen sehen das ganze Bild. — Bernd Sautter (@SautterBernd) March 1, 2020 Die Bayern-Anhänger aufgrund des Banners als …

Der Stehblues-Spieler

Orel Mangala war einer der Spieler, auf die ich mich vor der Saison sehr freute und auf dessen Rückkehr ich sehnsüchtig wartete. Ein typischer Jan Schindelmeiser-Transfer, ein typischer Hannes Wolf-Spieler, aber nicht deshalb. Er verkörperte das Junge und Ungestüme im Zweitliga-Kader 2019/2020, auch wenn er kein Draufgänger ist, so verband ich mit ihm die Hoffnung auf mehr Dynamik im zentralen Mittelfeld. In seiner ersten Saison 2017/2018 absolvierte er immerhin 20 Bundesligaspiele und stand auch beim legendären 4:1 am 34. Spieltag gegen Bayern München in der Startelf (Video mit den Highlights, siehe unten). Nach einer guten Saison beim Hamburger SV kehrte er zum VfB zurück und sollte hier einer der Entscheidungsspieler und Hoffnungsträger werden. Trainer Tim Walter sah das anders und setzte zunächst eher auf Ata Karazor, so dass sich Mangalas Bilanz eher mittelmäßig liest: 15 Spiele, davon 6x eingewechselt und 4x ausgewechselt. Das änderte sich als Pellegrino Matarazzo übernahm. Der 21-jährige ist nun wichtiger Bestandteil einer zentralen Achse mit Wataru Endo und Daniel Didavi. Endo ist der Terrier und Zweikämpfer und Didavi der Feinfüßige, der …