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VfB ein Leben lang!

In dieser Sommerpause feiert unser kleiner Blog tatsächlich seinen zehnten Geburtstag und da werden wir natürlich etwas nostalgisch. Umso mehr, da die züruckliegende Saison gleich in mehrfacher Hinsicht historisch ist. Zur Einordnung: Seit es den Vertikalpass gibt, hat der VfB kein einziges internationales Spiel erlebt, aber dafür zwei Abstiege, vier Relegationsspiele und eine Last-Minute-Rettung.

Und, um das gleich klarzustellen: Da besteht keinerlei Zusammenhang!

Doch wir sind zum Glück schon so alt, dass wir uns noch an bessere Zeiten erinnern können. An die Spiele gegen Barcelona in der Champions League z.B., an Ronaldinho, Ibrahimovic und Messi im Neckarstadion. Oder an das historische 2:1 gegen Prime Manchester United mit einer Truppe, die mindestens so sympathisch war wie die aktuelle Mannschaft von Sebastian Hoeneß. Und natürlich erinnern wir uns an den absoluten Ausnahmezustand nach der Meisterschaft 2007, der selbst die WM-Megaparty ein Jahr zuvor alt aussehen ließ. Aber das alles ist solange her.


Doch es gibt genügend VfB-Fans, die kennen nur den VfB Stuttgart der letzten zehn Jahre. Den VfB, der seit Sommer 2014 insgesamt 15 Trainer verschlissen hat, seine Mitglieder bei der Ausgliederung verarscht hat und gegen Union Berlin abgestiegen ist, ohne eine Spiel zu verlieren. Schon bevor es zum ersten Mal in der jüngeren Vergangenheit in die zweite Liga ging, schrieben wir Ende 2015 diesen Text.

Denn schon damals machten wir uns uweseelermäßige Sorgen um den VfB. Der stand unter Trainer Jürgen Kramny nach 17 Spieltagen nach einem Sieg gegen Wolfsburg (Tore: 2x Didavi und Kostic) immerhin auf Rang 15, aber damit auch nur zwei Punkte vor dem Tabellenletzten aus Hoffenheim. Doch Kramny wurde von Interims- zum Cheftrainer befördert, sein Team startete eine kleine Siegesserie und die ersten sprachen damals völlig unironisch vom Einzug in den Europapokal. Unsere Sorgen waren dennoch berechtigt, denn am Ende der Saison stieg das Team unter Dutt und Kramny nach einem 1:3 in Wolfsburg gemeinsam mit Hannover sang- und klanglos ab.

Doch es war nicht unbedingt der sportliche Abstieg, der uns damals beunruhigte, sondern vielmehr der Stellenwert des VfB in Stuttgart:

“Schon jetzt laufen die Kids im Kindergarten [meines Sohnes] und an der Grundschule seiner großen Schwester in Trikots von Barcelona, Real Madrid oder Bayern München herum. Brustringtrikots in Größe 116 sucht man vergebens. Während man überall kleine Messis, Ronaldos und Götzes sieht, sucht man Mini-Gentners und kleine Lord Hlouseks erfolglos.”

Der VfB war einfach unsexy. Daran änderte auch ein Trainer wie Jos Luhukay nichts, dafür aber frische Gesichter wie Jan Schindelmeiser und Hannes Wolf, die es mit einem jungen Team und natürlich Simon Terodde schafften, den Spaß ins Neckarstadion zurückzubringen. Der sportliche Erfolg setzte sich sogar in der ersten Liga fort, leider jedoch ohne die beiden Protagonisten, aber stattdessen mit Tayfun Korkut und Michael Reschke, die am Ende der Saison vermutlich genauso ratlos waren wie die Fans, warum der VfB seine beste Platzierung seit 2012 erreicht hatte.

Wenig überraschend, dass das Fundament des sportlichen Erfolgs keine weitere Saison hielt und der VfB am Ende der Saison 2018/2019 wieder den Gang in die Zweitklassigkeit antreten musste. Auch, wenn die folgenden Tabellenplatzierungen es nicht unbedingt belegen, aber vielleicht war das der Punkt, an dem es besser wurde. Mit mutigen Trainerentscheidungen (Walter, Matarazzo, Hoeneß) und mit einer konsequenten Transferstrategie unter Sven Mislintat – unterstützt und geschützt von Thomas Hitzlsperger.

Nachdem der VfB mit zehn(!) Punkten hinter Arminia Bielefeld in die erste Liga aufstieg, erlebten wir die vielleicht schönste VfB-Saison seit Blog-Gründung. Mit dem legendären 5:1 in Dortmund, mit Silas-Soli über den gesamten Platz, einem überragenden Gregor Kobel im Tor, dem Duo der Herzen Borna Sosa und Sasa Kalajdzic und natürlich dem unermüdlichen Wataru Endo.

Es war die Zeit, in der man wieder mehr Kids in VfB-Trikots in der Stadt, beim Fußball-Training und auf dem Weg zur Schule sah. Der VfB war wieder sexy. Weil er mutigen Offensivfußball spielte. Mit einem Team, mit dem man sich identifizieren konnte. Und das alles, obwohl die Spiele ohne Zuschauer stattfanden.

Angesichts der ekstatischen Zustände nach Endos 2:1 in 92. Minute am 34. Spieltag der darauf folgenden Saison mag man es kaum glauben, aber noch bis zu 25. Spieltag der Saison 21/22 war die Anzahl der Zuschauer limitiert. Das 3:2 gegen Gladbach Anfang März erlebten 25.000 Zuschauer, beim 3:2 gegen Augsburg zwei Wochen später war die Hütte dann endlich wieder voll. Und der VfB machte wieder etwas mit seinen Fans. Nach Jahren der Resignation wurden selbst kleinste Erfolge härter gefeiert als eine Meisterschaft in München.

Apropos München: Seit es unseren Blog gibt, hieß der Deutscher Meister stets Bayern München. Der Protagonist des Textes aus dem Jahr 2015 kam im Juni auf die Welt. Damals war Borussia Dortmund der Titelträger, seitdem gewannen stets die Bayern die Schale. Eine schale Fußball-Kindheit.

Umso schöner, dass der VfB Stuttgart jetzt Teil dieser Palast-Revolution in der Bundesliga ist, und nicht nur die Bayern zum ersten Mal seit Ewigkeiten zuhause geschlagen hat, sondern auch in der Abschlusstabelle hinter sich ließ. Und das alles mit einer Spielweise, die ganz Fußballdeutschland verzückt hat. Wie auch Leverkusen vertraute man auf einen Trainer mit einer mutigen und innovativen Spielidee. Vielleicht ein Modell mit Zukunft, wenn selbst die alten weißen Männer in München jetzt auf einen jungen Trainer setzen, wenn auch als Plan F. Während man in anderen Bundesligastätten immer noch die ewig gleichen Funktionäre vorstellt, in der Hoffnung, sie würde es anders machen als an den Stationen zuvor, scheint der VfB diesen Weg endlich verlassen zu haben. Nicht zum ersten Mal übrigens. Man erinnere sich an die leider gescheiterten Versuche mit Alexander Zorniger und Tim Walter.

In der kommenden Saison geht es endlich wieder auf die Reise nach Europa. Zum ersten Mal, seit es den Vertikalpass gibt. Zum ersten Mal für viele VfB-Fans überhaupt. Und hoffentlich sieht man dann in der Region noch viel mehr Kinder in VfB-Trikots. Denn sie sind viel wichtiger als die Erschließung neuer Märkte auf anderen Kontinenten. Die Menschen hier sind es, die mit ihrem Club im Neckarstadion feiern und leiden. Sie sind es, die unbeirrt zu jedem Auswärtsspiel fahren, obwohl das Team ein Kalenderjahr nicht in der Fremde gewinnt.

Irgendwie hat es der VfB Stuttgart tatsächlich geschafft, sich ein Stück weit vom sportlichen Erfolg zu entkoppeln. Hochemotionale Momente wie die Last-Minute-Rettung haben Team und das vielleicht doch gar nicht so schwierige Umfeld zusammengeschweißt. So sehr, dass nicht mal die allgegenwärtigen Machtkämpfe in den Gremien etwas daran ändern können. Was sind schon ein Datenskandale, Schlammschlachten, Intrigen und nicht enden wollende Mitgliederversammlung gegen das Hochgefühl eines VfB-Siegs?

Doch auch der sportliche Erfolg ist jetzt zurück und die Ausgangslage so gut wie selten. Das liegt auch daran, dass Trainer Hoeneß und Noch-Sportdirektor bzw. Vermutlich-bald-Sportvorstand Wohlgemuth durch clevere Transfers dem von Sven Mislintat zusammengestellten Kader mit vielen High Potentials die Qualitäten verpasst haben, die ihm ebenso noch fehlten, wie eine gewisse Reifezeit und die richtige Ansprache.

Jetzt scheint alles zu passen.
Hoffen wir einfach, dass die nächsten zehn Jahre besser werden als die letzten!

 

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8 Kommentare

  1. Betti Bodmer sagt

    VfB Fans müssen leidensfähig sein, das weiß ich seit Jahrzehnten. Ich habe tolle Momente im Neckarstadion verbracht. Es freut mich sehr, daß ich das jetzt mit meinem Junior international auch wiederholen kann.

  2. Fredi79 sagt

    Sehr schön geschrieben! Hoffentlich bringt es aber auch gerade den jüngeren Fans ins Bewusstsein, dass wir keine Mittelfeld- oder gar Fahrstuhltruppe sind, sondern die internationalen Plätze der Anspruch des VfB sein sollten! Dabei verleugne ich nicht unsere jüngste Vergangenheit und unsere schwierige finanzielle Situation. Nach dem Aufstieg 2020 habe ich gesagt, dass wir in fünf Jahren wieder Platz 6 und aufwärts anvisieren sollten. Schön, dass es jetzt deutlich schneller ging!

  3. Marcus Fichter sagt

    Meine ersten Stadionbesuche waren 1974…damals gg. solche Mannschaften wie KSV Baunatal und Eintracht Trier usw…

    Ich hab also schon einiges erlebt in unserem Stadion, das 3:3 gg. die Bayern, UEFA-Cup-Endspiel gg. Maradona und Falcao, die Meisterschaften 84, 92, 07 und die Pokalendspiele in Berlin.

    Tiefe Trauer nach Daums Wechseltheater, den Abstiegen. Und die Hochgefühle der Meisterschaften und den verhinderten Abstiegen ( Endo !!! ).

    Ich hoffe nun innigst das es den Verantwortlichen dieses Mal endlich gelingt, den VfB in den Top 8 der Liga zu etablieren. Auch wenn man immer wieder einige Spieler abgeben wird müssen ( dieser Sommer mit den Transfergerüchten macht mir schon wieder Angst ), sollte es bei aller wirtschaftlicher Vernunft mit diesem Trainer endlich klappen, ein solides Fundament zu bauen.

    Nun versuche ich die Euro24 zu genießen, ich versuche, die ganzen Transfergerüchte nicht wahrzunehmen, die Sommerpause als fussballfreie Zeit zu genießen und hoffe, das der VfB im August noch mit ein paar der Leistungsträger aus der tollen letzten Saison in die neue Saison geht !

  4. Konrad sagt

    Mich hat gestern die PK mit Nübel sehr bewegt. Ich hab ihn vom ersten Moment ins Herz geschlossen und war von seiner Persönlichkeit begeistert. Wie er das gestern so erzählt hat von Morddrohungen bis fehlender Wertschätzung und sein jetziges Glück darüber wie die VfB Fans ihn „lieben“ und feiern… hat er verdient… ❤️

    Ich denke, dass das uns VfB Fans schon besonders auszeichnet, dass wir erstens aufgrund der Vergangenheit eine gewisse Leidensfähigkeit haben und trotzdem immer sehr durchgängig unsere Spieler „lieben“ und unterstützen.

    Mislintat habe ich nie „geliebt“… dass er jetzt unsere besten Spieler in den Pott quatschen und mit Handgeld rauskaufen will, ist möglicherweise in diesem Job „üblich“, als „der“ top top top Scout müsste er allerdings bessere Optionen haben, als unseren Kader zu schwächen… ich hoffe sehr, dass ein Anton/ Ito reflektiert genug ist, um zu erkennen, dass nicht alles was glänzt auch Gold ist. Führich ist in meinen Augen überschätzt, er täte gut daran sich unter unserem Trainer konstant weiterzuentwickeln… Anton zum BVB würde mir allerdings das Herz brechen 🥹

  5. Der Groundhopper sagt

    Alles Gute zum Zehnjährigen, lieber Vertikalpass! Und macht bitte weiter so.
    Ob der VfB „so weiter macht“, erwarte ich als chronischer Berufspessimist nämlich aktuell nicht. Gerne irre ich mich – so wie ich mich in der vergangenen Saison bereits komplett geirrt habe :-)

  6. Devina33 sagt

    Schöner Überblicksartikel

    Aber ich frage mich warum wir jetzt schon wieder um alle möglichen Spieler bangen müssen. Um sich oben fest zuspielen wie es KH Förster sich wünscht, müßte die eingespielte Mannschaft zusammengehalten werden. Undav bringt sich aktuell jetzt selbst beim FCB ins Gespräch! Iti würde man gerne verkaufen – Wahnsinn.
    (Besonders schmerzhaft war es als Gomez den damals erfolgreichen VfB verließ um sich die Lederhosen anzuziehen). Zvonimir Soldo wird wohl eine der großen Ausnahmen bleiben – er spielte 10 Jahre für den VfB und ist nicht dem Werben anderer Vereine erlegen – ist er denn irgendwie beim VfB eingebunden?

    Bayern kann im Schnitt 4-6 mal mehr Geld investieren, Dortmund 2-3 mal mehr als der VfB.

    Wann fließen die Gelder aus einer der reichsten Regionen der Welt, dem mittleren Neckarraum oder BaWü (Land der Weltmarktführer) damit wird nicht immer von vorne anfangen müssen?

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